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Captain Phillips [2013]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 04. Januar 2015
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: Captain Phillips
Laufzeit: 134 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2013
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Paul Greengrass
Musik: Henry Jackman
Darsteller: Tom Hanks, Barkhad Abdi, Barkhad Abdirahman, Faysal Ahmed, Mahat M. Ali, Michael Chernus, David Warshofsky, Corey Johnson, Chris Mulkey, Yul Vazquez, Max Martini, Omar Berdouni, Catherine Keener


Kurzinhalt:
Unter der Führung von Kapitän Richard Phillips (Tom Hanks) ist das Frachtschiff Maersk Alabama im April 2009 auf dem Weg aus dem Oman nach Mombasa. Die Route führt das Schiff durch ein Gebiet, in dem immer wieder vor Piratenaktivität gewarnt wird. Kurz nachdem Phillips mit Shane Murphy (Michael Chernus) und seiner Mannschaft eine Übung abgehalten hat, tauchen auf dem Radar zwei kleine Boote im Fahrwasser der Alabama auf. Es gelingt der Besatzung, die Piraten abzuschütteln, doch am nächsten Tag ist ein Boot zurück.
Muse (Barkhad Abdi) führt seine drei Mitstreiter Najee (Faysal Ahmed), Bilal (Barkhad Abdirahman) und Elmi (Mahat M. Ali) an Bord des Frachtschiffes. Bis auf Kapitän Phillips und zwei Crewmitglieder hat sich die Besatzung im unteren Teil des Schiffes versteckt und sowohl Motor, als auch Elektronik abgeschaltet. Sie hoffen auf das baldige Eintreffen der US Navy. Doch die Situation spitzt sich zusehends zu, da die Piraten nicht bereit sind, auf das Lösegeld in Millionenhöhe, das sie erpressen wollen, zu verzichten ...


Kritik:
In Captain Phillips erzählt Regisseur Paul Greengrass die im Frühjahr 2009 stattgefundene Entführung des Frachtschiffes Maersk Alabama durch somalische Piraten nach. Auch wenn er sich dabei künstlerische Freiheiten nimmt, ihm gelingt neben einem außergewöhnlich spannenden Thriller ein differenzierter Blick auf die globalen Zusammenhänge, die Hintergründe und Ursachen der Situation. Ohne die oft praktizierte Schwarzweißmalerei gibt es dabei nur Opfer und Verlierer.

Nach einer kurzen Vorstellung von Kapitän Richard Phillips wirft der Film einen Blick auf die somalische Küste, wo sich männliche Dorfbewohner versammeln, um auf kleinen Fischerbooten auszufahren und Geiseln zu nehmen. Ihr Ziel ist das Lösegeld, das sie sich ausmalen. Zwei Crews werden zusammengestellt wobei sich die ausgemergelten Männer um die wenigen Plätze regelrecht bewerben. Man mag sich fragen, wie sie mit ihrem Gewissen vereinbaren können, was sie vorhaben zu tun. Die Antwort ist dieselbe wie wenn man Phillips Fragen würde, wie er freiwillig durch solche Gewässer fahren kann oder die Navy SEALs mit einer Fingerbewegung ein Menschenleben auslöschen, als wäre es ein Blatt im Wind. – Es nichts persönliches, sondern ein Job wie jeder andere.

Im Verlauf seiner Gefangennahme hält Phillips dem Anführer der Piraten, Muse, vor, dass es doch andere Arbeit in Somalia geben müsse, als Fischer zu sein – wobei die Bestände von internationalen Großkonzernen abgefischt werden – oder Menschen gegen Lösegeld zu entführen. "Vielleicht in Amerika" ist die Antwort des somalischen Piraten. Es schwingt eine bittere Wahrheit in den Worten mit, die sich bereits in den ersten Bildern vom somalischen Strand ankündigen. Wird dort eine Waffe abgefeuert, ducken sich die Menschen nicht einmal mehr unwillkürlich. So stark ist die Gewalt, die Hoffnungslosigkeit in ihrem Alltag verankert.
Wie dies am anderen Ende der Welt aussieht, zeigt Captain Phillips ebenso, wenn kurz vor Schluss die Spezialeinheit der Navy SEALs die Scharfschützengewehre wieder zusammenpackt, als wäre all das nichts weiter als ein normaler Arbeitsalltag gewesen. Was nach Parallelen aussieht, ist in Wirklichkeit eine Spirale, die sich immer wieder aufs Neue selbst in Bewegung versetz.

Nach einem gescheiterten Enterversuch gelingt es Muse und drei seiner Mitstreiter, an Bord der Maersk Alabama zu kommen. Und auch wenn der Kapitän bereits einen Notruf abgesetzt hat, bis Hilfe eintrifft wird noch viel Zeit vergehen. Die somalischen Piraten wissen, dass wenn sie die Geiseln töten, auch ihr Druckmittel wegfällt. Dabei sind bereits vor dem Entern die Spannungen zwischen Muse und Najee spürbar und wachsen umso mehr, je länger sich das Kidnapping hinzieht. Was zuerst an Bord des Frachters und später im Speziellen mit Richard Phillips geschieht, ist haarsträubender als in einem Alptraum und von dem Moment an, da die Piraten zum ersten Mal im Fahrwasser der Alabama auftauchen, bis zum Abspann, zieht Regisseur Greengrass die Spannung immer weiter an.

Dass ihm das gelingt liegt zum großen Teil an der Besetzung, angeführt von einem authentischen, phantastischen Tom Hanks. Doch die wahren Stars von Captain Phillips sind die Darsteller der vier somalischen Piraten, von denen Barkhad Abdi als Muse derart verstörend überzeugend wirkt, dass die Grenzen von Film und Wirklichkeit verschwimmen. Sieht man in seinem Blick anfangs die Überzeugung, für den Kriegsherrn im Hintergrund das große Lösegeld in greifbarer Nähe zu haben, weicht dies immer mehr der Erkenntnis, dass sie alle aus der ausweglosen Situation nicht mehr herauskommen werden. Und doch, Aufgeben kommt nicht in Frage, selbst wenn er nicht Gewinnen kann. Er sei zu weit gekommen, sagt er Phillips.


Fazit:
Lässt die Wirkung des Rauschmittels Kath, das von den somalischen Piraten ständig gekaut wird, nach, kochen die Aggressionen und Emotionen spürbar höher. Die zunehmend schlimmer werdende Situation wird durch den einhergehenden Entzug nur noch verstärkt. Statt die vier als böswillig und hasserfüllt zu porträtieren, stellt Regisseur Paul Greengrass klar, dass die Entführung für sie schlicht ein probates Mittel zum Geldverdienen ist. Vielleicht ihre einzige Möglichkeit, die durch die Globalisierung hervorgerufene Umverteilung des Reichtums hin zu den Industriestaaten umzukehren.
Statt einfacher Antworten bemüht sich Captain Phillips um einen vielschichtigen Blick auf die Hintergründe, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger anzuklagen. Dass das Schicksal der Personen nahegeht liegt an den herausragenden Darstellerleistungen und der Tatsache, dass der Film sie länger begleitet, als für den bloßen Thrill notwendig. Sieht man, wie bei Richard Phillips der Schock einsetzt in den letzten Minuten, dann ist es, als wäre man dort mit ihm. Es sind die Nachwehen eines unvorstellbaren Martyriums.
Dies ist ein starker, ein wichtiger Film. Und einer der besten und anstrengendsten seit langem.    


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