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Blade Runner: Final Cut [1982]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 12. April 2020
Genre: Science Fiction

Originaltitel: Blade Runner: Final Cut
Laufzeit: 117 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1982
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Ridley Scott
Musik: Vangelis
Besetzung: Harrison Ford, Rutger Hauer, Sean Young, James Olmos, M. Emmet Walsh, Daryl Hannah, William Sanderson, Brion James, Joe Turkel, Joanna Cassidy, James Hong, Morgan Paull, Hy Pyke


Kurzinhalt:

Als im 21. Jahrhundert vier sogenannte Replikanten, von Menschen kaum zu unterscheidende Maschinen, ein Transportschiff kapern und sich auf den Weg zur Erde machen, wird der „Blade Runner“ Rick Deckard (Harrison Ford) reaktiviert. Seine Aufgabe ist es, die sich illegal auf der Erde aufhaltenden Replikanten zu finden und auszuschalten. Die Gruppe wird von Roy Batty (Rutger Hauer) angeführt, der es sich zum Ziel gesetzt hat, ihren Erschaffer auf der Erde zu suchen, den Industriellen Eldon Tyrell (Joe Turkel). Denn so überzeugend die neueste Generation von Replikanten sein mag, ihnen ist eine maximale Lebensdauer von vier Jahren eingebaut, eine künstliche Beschränkung, die Batty aufheben lassen will. Um sich ein Bild von der Qualität der neuesten Generation zu machen, sucht Deckard Tyrell auf, wo er auf Rachael (Sean Young) trifft. Die Replikantin weiß nicht, dass sie kein wirklicher Mensch ist. Bei seiner Suche nach den abtrünnigen Replikanten, muss sich Deckard zunehmend fragen, was sie am Ende weniger menschlich macht, als die Menschen selbst …


Kritik:
Nach seinem Genre prägenden Meisterwerk Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt [1979] präsentiert Filmemacher Ridley Scott mit der Adaption von Philip K. Dicks Vorlage Träumen Roboter von elektrischen Schafen? [1968] einen nicht minder einflussreichen Film. Statt auf Horror, konzentriert sich Blade Runner auf existenzielle Fragen und ist damit pure Science Fiction. Die schwierige Veröffentlichungsgeschichte spiegelt sich dabei gewissermaßen in Scotts Vision des fertigen Films wider. Oder aber sie ist ein Ergebnis derselben.

Mehr als ein halbes Dutzend Filmfassungen existieren von Blade Runner, der auch Der Blade Runner genannt wird. Dabei unterschieden sich bereits die Kinofassungen in den USA und dem Rest der Welt seinerzeit. Die einst als „Director’s Cut“ angepriesen Version bekam nie den Segen des Regisseurs, während der sogenannte „Final Cut“ diejenige Schnittfassung ist, mit der sich der Filmemacher am meisten identifizieren kann, nachdem ihm die Produzenten damals die kreative Kontrolle über die Kinoveröffentlichung genommen hatten. Testvorführungen hatten das Publikum rätselnd zurückgelassen, da ihm zu wenig erklärt wurde, und auch das Ende war deutlich hoffnungsvoller, als Ridley Scott an sich beabsichtigt hatte. Sieht man sich den „Final Cut“ von Blade Runner an, liegt die Vermutung nahe, dass die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte liegt – ebenso wie die zugänglichste und überzeugendste Fassung dieser Geschichte.

Die ist angesiedelt im 21. Jahrhundert, in dem es der Menschheit gelungen ist, lebensechte Maschinen zu erschaffen: Replikanten. Die neuste Version des Industriellen Tyrell, Modelle der ‚Nexus 6’-Reihe, sind von Menschen nicht mehr zu unterscheiden. Weil einige dieser Maschinen, die für niedere Arbeiten herangezogen werden, rebellierten, dürfen sie sich nicht auf der Erde aufhalten, sondern werden auf Kolonien im Weltall eingesetzt. Rick Deckard ist ein sogenannter ‚Blade Runner’, ein Polizist, dessen Aufgabe es ist, Replikanten, die sich illegal auf der Erde aufhalten, aufzuspüren und zu eliminieren. An sich im selbst gewählten Ruhestand, wird Deckard reaktiviert, als vier Replikanten mit einem gekaperten Transporter zur Erde gekommen sein sollen, um ihren Schöpfer zu finden – Eldon Tyrell. Nicht, um ihn zu töten, sondern damit er sie rettet, denn Replikanten haben nur eine Lebensdauer von vier Jahren.

Und so wirft Blade Runner die existenzielle Frage auf, ob Replikanten ein geringeres Recht auf Leben haben, als „normale“ Menschen. Ist der Wunsch eines Wesens, das sich seiner selbst und seiner Sterblichkeit bewusst ist, das um sein Überleben kämpft, nicht zu respektieren? Als Deckard bei Tyrell auf ein noch weiter entwickeltes Modell trifft, Rachael, muss er feststellen, dass sie gar nicht weiß, dass sie ein Replikant ist. Sie verfügt über Erinnerungen und Träume – ist das nicht etwas, was uns Menschen ausmacht?
Antworten auf diese Fragen liefert Ridley Scott genretypisch nicht. Er überlässt es seinem Publikum, wogegen nichts einzuwenden ist. Auch dagegen nicht, dass diese Elemente in die Story eines Krimis eingebettet sind, wenn Deckard die übrigen Replikanten aufspüren und vernichten soll. Nicht zuletzt ist es der Noir-Look, der sich sogar bis hin zu Teilen der musikalischen Untermalung erstreckt, die Blade Runner auszeichnet und das Genre dadurch spürbar geprägt hat. Nur ist die Geschichte selbst kein wirklicher Krimi und die genannten Science Fiction-Aspekte derart unterschwellig vertreten, dass man lange Zeit geradezu danach suchen muss. Insofern wären Deckards Kommentare aus dem Off, die in der „Final Cut“-Fassung vollständig entfernt wurden, mitunter durchaus hilfreich gewesen, zu beschreiben, was in dem schweigsamen Protagonisten vor sich geht.

Die düstere Zukunftsvision einer Welt, in der der Himmel nie klar zu sehen ist, in der es oft regnet, die Straßen von Los Angeles überfüllt und schmutzig sind, die Menschen in weit in den Himmel gewachsenen Wolkenkratzern leben und Neonreklamen selbst zwischen den Häusern schwebend die Menschen beeinflussen, ist so fantastisch umgesetzt, dass man sich vom ersten Moment an darin verlieren kann. Was die mächtige Firma von Tyrell, die in einem Gebäude residiert, mit dem sie sich selbst einer Pyramide gleich ein Denkmal gesetzt hat, im Grunde im Schilde führt, dass sie Replikanten erschafft, die Menschen zum Verwechseln ähnlich sind, wird nie geklärt. Und wenn Deckard mit dem speziellen Voight-Kampff-Test, in dem den Probanden emotionale Reaktionen entlockt werden sollen, bestimmt, ob sein Gegenüber Mensch oder Maschine ist, dann stellt man sich durchaus die Frage, wie man selbst hierauf reagieren würde. Doch all das ist mehr Design und Stil, als es Blade Runner mit inhaltlicher Substanz füllt. Dass dieser Stil allein die vergangenen 40 Jahre für Diskussionen sorgte, unzählige Film- und Medienschaffenden beeinflusste und immer noch besteht, mit einer phänomenalen Optik und gehabt sehenswerten Trickeffekten, ist eine Errungenschaft. Aber sie wiegt nicht auf, dass die Geschichte dabei weit hinter ihren Möglichkeiten bleibt.


Fazit:
Dass Filmemacher Ridley Scott die Geschichte trotz der Actionmomente ruhig und beobachtend erzählt, unterstreicht das Hauptaugenmerk seiner Umsetzung auf dem Film-Noir-Aspekt. Die dunklen Gassen, in denen der Ermittler hier zu Werke geht, seine Untersuchung von Fotoaufnahmen und dass ihn trotz seiner angeblichen Distanz der Fall persönlicher beschäftigt, sind gelungene Elemente. Dennoch erscheinen andere, dem bewusst entgegen stehende Stilmittel wie die von einem Techniker erbauten Wesen oder eine Liebesgeschichte, die von Seiten Deckards buchstäblich auf eine Art und Weise erzwungen ist, dass man sich beim Zusehen geradezu unwohl fühlt, oder wenigstens fühlen sollte, als hätten sie keine wirkliche Rechtfertigung innerhalb des Films. Außer eben, dass man es so zeigen wollte. Beschrieb Scott in Alien funktionale Technik in dem Raumschiff der Protagonisten, gibt es hier viel Design um der Design willen. Die Designsprache ist es auch, die sich spürbar einprägt, gefolgt von einem filmischen Universum, das mit den außerweltlichen Kolonien, den Replikanten und dem kleinen Blick in die düstere Zukunft einen ungeheuren Facettenreichtum andeutet. Man verzeiht es Blade Runner, dass Vieles hiervon nicht vertieft wird, weil sich die Story im Grunde um etwas anderes dreht. Auch ist man bei den spärlichen Charakterzeichnungen nachsichtig, weil am Ende verschiedenste Hinweise gestreut werden, wer alles ein Replikant sein könnte, ohne es zu wissen. Aber dass die Geschichte selbst über Strecken zu vergessen scheint, was sie an sich erzählen will, Elemente wie die Tests oder Deckards Untersuchungen mehr Beiwerk als essentiell notwendig sind, macht deutlich, dass der Film hierauf kaum Wert legt. Für seine dichte Atmosphäre, den Look und das Zusammenspiel von beidem, ist der Film immer noch zu feiern. Doch lässt seine Suche nach der Essenz des Menschseins sein Publikum überraschend kalt. Das ist schade.
 


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