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Avatar – Aufbruch nach Pandora [2009]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Lars Adrian  |   Hinzugefügt am 20. Dezember 2009
Genre: Science Fiction / Fantasy / Action / Liebesfilm

Originaltitel: Avatar
Laufzeit: 162 min.
Produktionsland: USA / Großbritannien
Produktionsjahr: 2009
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: James Cameron
Musik: James Horner
Darsteller: Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver, Stephen Lang, Michelle Rodriguez, Giovanni Ribisi, Joel Moore, CCH Pounder, Wes Studi, Laz Alonso, Dileep Rao, James Pitt


Kurzinhalt:
Im Jahr 2154 ist die Erde abhängig von einem sehr seltenen Mineral namens Unobtainium. Große Vorkommen dieses Rohstoffes wurden auf dem ungefähr 4,3 Lichtjahre entfernten Mond Pandora entdeckt, der um einen Gas-Giganten in dem der Erde nächstgelegenen Sonnensystem Alpha Centauri kreist. Pandora ist eine von üppigem Dschungel bedeckte Welt, und mit unzähligen fremdartigen und gefährlichen Tieren bevölkert. Die Atmosphäre hat allerdings eine völlig andere Zusammensetzung wie diejenige der Erde, so dass Menschen auf eine Atem-Maske angewiesen sind. Der Mond ist auch Heimat der humanoiden Na'vi – blaue, katzenhaft anmutige Wesen, die im Einklang mit der sie umgebenden Natur leben.
Leider befindet sich das größte Dorf der Na'vi direkt über der umfangreichsten Unobtainium-Ablagerung. Aus diesem Grund beabsichtigt Sicherheitschef Colonel Miles Quaritch (Stephen Lang), die Ureinwohner entsprechend umzusiedeln, aber die Na'vi leisten erbitterten Widerstand.
Um weiteres Blutververgießen zu vermeiden, wird das sogenannte Avatar-Projekt – geleitet von der Wissenschaftlerin Dr. Grace Augustine (Sigourney Weaver) – ins Leben gerufen: Avatare sind genetisch gezüchtete Hybrid-Wesen, teils mit menschlicher DNA, teils aber auch mit Na'vi-DNA. Indem das menschliche Gehirn und die Gefühlsrezeptoren über eine spezielle Technologie mit dem Avatar-Körper verbunden sind, ist es möglich, dass ein Mensch den Avatar mental steuert. Auf diese Weise können sich die Menschen mittels ihrer Avatare frei auf Pandora bewegen, und sie sollen die Umgebung erkunden und wenn möglich, die Na'vi von einer friedlichen Lösung überzeugen.
Jake Sulley (Sam Worthington), ein früherer U.S. Marine, wurde vor Jahren bei Kampf-Handlungen auf der Erde schwer verwundet und ist seitdem von der Hüfte an abwärts gelähmt. Es fällt ihm deshalb alles andere als schwer, sich als Freiwilliger für das Avatar-Programm zur Verfügung zu stellen, als ihm Quaritch das Angebot unterbreitet – immerhin wird dadurch sein Traum wahr, wieder auf eigenen Beinen zu gehen, auch wenn es diejenigen seines Avatars sind.
Auf seiner Reise durch die wundersame, aber auch furchteinflößende Welt Pandoras begegnet Jake der schönen Na'vi-Prinzessin Neytiri (Zoe Saldana). Neytiri bringt ihm die Lebensweise der Na'vi näher und öffnet ihm die Augen für die Einzigartigkeit ihrer Kultur.
Doch je mehr Zeit Jake unter den Na'vi verbringt, um so stärker gerät er in Konflikt mit seiner ursprünglichen Mission. Während Quaritch Vorbereitungen trifft, einen massiven militärischen Schlag gegen die Na'vi zu führen, muss Jake sich entscheiden, auf wessen Seite er in dieser Schlacht stehen wird, die das Schicksal eines gesamten Öko-Systems besiegeln könnte ...


Kritik:
Einige Anmerkungen vorweg:
Dieser Rezension liegen sowohl eine Englisch-, als auch eine Deutsch-sprachige Kino-Vorstellung in digitalem 3D zu Grunde. Um den 3D-Effekt erleben zu können, muss während der gesamten Dauer des Filmes eine spezielle 3D-Pol-Filter-Brille getragen werden, die vom Kino-Personal ausgegeben wird. Deshalb – und für ein ideales Sound-Vergnügen – ist eine möglichst mittige Position innerhalb des Kino-Saales und innerhalb der Sitz-Reihe sehr anzuraten, was meist nur durch vorherige Karten-Reservierung oder vorzeitigen Karten-Kauf gewährleistet ist.
Sehbehinderte Kino-Besucher, die nur auf einem Auge korrekt sehen können, sind nicht in der Lage, den 3D-Effekt wahrzunehmen. Sie können dennoch eine 3D-Vorstellung besuchen und sehen den Film dann in 2D, müssen aber trotzdem die Brille tragen, da das Bild sonst durch die stereoskopischen Überlagerungen undeutlich ist. Sehbehinderten Zuschauern sei deshalb empfohlen, eine gewöhnliche 2D-Vorstellung von Avatar – Aufbruch nach Pandora zu besuchen, da hier das Tragen der Pol-Filter-Brille entfällt, die das Bild zudem – wenngleich nur minimal – abdunkelt.

Als im Dezember 1997 Titanic [1997] in den Kinos anlief, waren sowohl die Geldgeber, als auch Kritiker und Publikum außerordentlich skeptisch, ob der Film auch nur im Ansatz das halten konnte, was unter anderem ein Rekord-Budget in Höhe von 200 Millionen US-Dollar und eine jahrelange – von immer neuen Negativ-Meldungen begleitete – Produktionszeit erhoffen ließen, oder ob der ansonsten erfolgsverwöhnte Regisseur James Cameron (Terminator [1984], Aliens – Die Rückkehr [1986], Abyss – Abgrund des Todes [1989], Terminator 2 – Tag der Abrechnung [1991] und True Lies – Wahre Lügen [1994]) nicht vielleicht den teuersten Flop der Filmgeschichte fabriziert hatte. Im Rückblick wissen wir natürlich, dass Titanic einen globalen Siegeszug ohne Gleichen angetreten war, der es nach einem eher verhaltenen Start-Wochenende zu einem monumentalen weltweiten Einspielergebnis von sagenhaften über 1,8 Milliarden US-Dollar brachte. Das Werk lief zehn Monate lang ohne Unterbrechung in den Lichtspielhäusern und schaffte es dabei 17 Wochen lang auf Platz 1 der amerikanischen Kino-Charts. Der unglaubliche kommerzielle Erfolg wurde ergänzt durch insgesamt 76 Auszeichnungen in den verschiedensten Kategorien, darunter elf Oscars, von denen einer auch zu Recht die Regie-Leistung von James Cameron würdigte.
Danach wurde es still um den Filmemacher. Fast schien es, als hätte Cameron das Interesse an regulären Filmen verloren. Er drehte und produzierte zwar ein paar Unterwasser-Dokumentationen (Die Bismarck [2002], Die Geister der Titanic [2003] und Aliens of the Deep [2005]), doch konnte man den Eindruck gewinnen, diese wären eigentlich nur zur Finanzierung der Tiefsee-Expeditionen entstanden, was Cameron in einem Interview nicht einmal direkt dementierte.

Mittlerweile hat Cameron allerdings zugegeben, dass er bereits 1999 geplant hatte, mit der Umsetzung einer Science-Fiction-/Fantasy-Idee zu beginnen, die ihm bereits ein paar Jahre zuvor in den Sinn gekommen war. Er musste allerdings feststellen, dass die Geschichte, die ihm vorschwebte, konzeptionell so ambitioniert war, dass sie vor zehn Jahren einfach nicht überzeugend auf die Leinwand gebracht werden konnte – die dafür notwendige Trick-Technik war schlicht noch nicht verfügbar.
Drei Jahre später kam dann Peter Jacksons Der Herr der Ringe – Die zwei Türme [2002] in die Kinos und mit dem Film erblickte ein am Computer entstandener Charakter das Licht der Welt, der den Grundstein für James Camerons Projekt legen sollte, das später den Titel Avatar – Aufbruch nach Pandora tragen würde: Gollum – über Motion-Capture dargestellt durch den Schauspieler Andy Serkis – konnte trotz seiner digitalen Herkunft erstmals komplexe Mimik, Gestik und Gefühle ausdrücken, so dass das Publikum nicht das Gefühl von Künstlichkeit hatte.
Cameron erkannte, dass nun die Zeit reif war, und er begann mit seiner Arbeit an Avatar, wobei zunächst die Story entwickelt und das Drehbuch verfasst werden mussten.

Liest man sich die oben stehende Inhaltsangabe durch, erkennt man unschwer viele bekannte Elemente. Nach Ansicht des kompletten Filmes drängen sich beispielsweise Parallelen zur Pocahontas-Geschichte oder Kevin Costners Der mit dem Wolf tanzt [1990] auf. Selbst zahlreiche Bezüge zu früheren Cameron-Werken werden offenkundig, seien es kleinere Details, wie die speziellen überdimensionalen "Roboter-Anzüge", mit denen die Menschen auf Pandora arbeiten, oder die Kritik an der Ausbeutung durch Großkonzerne (Aliens, Terminator 2). Kaum übersehbar sind Anspielungen auf die aktuelle weltpolitische Lage, wobei Cameron nicht verbirgt, dass er nicht viel vom Krieg gegen den Terror oder den Einsatz von Söldner-Truppen hält, und er sich um den Klima-Wandel sorgt. Dazu gesellen sich deutliche Anleihen bei der sogenannten Gaia-Philosophie, wonach alle lebenden Organismen eines Planeten die Natur ihrer Umgebung beeinflussen. All diese politisch korrekten Untertöne sind nicht unbedingt subtil eingebunden und bisweilen lässt sich der Hang zum Plakativen oder gar Kitsch nicht verleugnen.
Wie in der Krieg der Sterne-Saga ist die erzählte Geschichte denkbar einfach; es geht um den Kampf von Gut gegen Böse, Schwarz gegen Weiß – hier Ureinwohner gegen Eindringlinge, die Lebensraum aus Profitgier zerstören. Der Kniff in Avatar ist diesmal: Nicht der Mensch ist das Opfer, das übermächtige Außerirdische fürchten muss, sondern die Menschen sind die Fremden und die Bewohner Pandoras, die Na'vi, sind bedroht. Durch diese irgendwie angenehm altmodische Ausgangslage schafft es Drehbuch-Autor Cameron, dass die Sympathien der Kino-Besucher von Anfang an auf Seiten der (vermeintlich) Schwachen sind, und man sofort an dieser faszinierend-neuartigen Umgebung interessiert ist.
Jake Sully, der Pandora ebenfalls erstmals erlebt, wird so zum Alter Ego des Zuschauers. Wir lernen durch ihn die vielfältige Pflanzen- und Tierwelt kennen, und zum Teil auch fürchten, und wir begegnen den Na'vi. Selbstverständlich ist es ein Klischee, dass Jake mit Neytiri zufällig der Prinzessin des größten Na'vi-Stammes über den Weg läuft, sich beide ineinander verlieben, und Jake dadurch seine ursprüngliche Mission zu hinterfragen beginnt – aber seien wir ehrlich: Wer würde sich nicht in eine derart starke und irgendwie auch äußerst attraktive junge Frau verlieben, selbst wenn sie eine blaue Hautfarbe besitzt und drei Meter groß ist?
Die relativ lange Laufzeit des Filmes ermöglicht es Cameron, nicht nur verschiedenste Bereiche Pandoras vorzustellen, sondern auch den Charakteren, einschließlich der Na'vi und insbesondere Neytiri, ausreichend Profil zu verleihen, so dass es den Kino-Besucher wirklich berührt, wenn sich gerade im letzten Drittel von Avatar die Ereignisse dramatisch überschlagen. Jakes erwachendes Gewissen wird dabei durchaus nachvollziehbar und nicht zu abrupt dargestellt.
Besonders in Bezug auf Pandora selbst, merkt man, wieviel Zeit die Macher in die Erschaffung dieser Welt gesteckt haben, die zwar fremdartig, aber nicht abwegig, sondern stets auf eine ganz eigene Art "natürlich" wirkt, beispielsweise Lebewesen, die zur Verteidigung und Täuschung zu rotieren und leuchten beginnen, die Tatsache, dass die meisten Tiere vier Augen, sechs Gliedmaßen und kiemenartige Atem-Öffnungen besitzen, oder die allgemeine Luminiszenz der Umgebung – bei letzterem hat sich Cameron vermutlich von seinen Tiefsee-Tauch-Ausflügen inspirieren lassen. Kleine Details, wie die abgemagerten Beine des gelähmten Jake vermitteln einen Eindruck von dem detailversessenen Perfektionismus Camerons.
Die Handlung dient als Gerüst, Pandoras Schönheit zu präsentieren, Mitgefühl für seine Bewohner zu wecken und den Zuschauer permanent vom Geschehen mitreißen zu lassen, und diesen Zweck erfüllt das Drehbuch wunderbar. Es spricht ein breites Publikum an, ohne zu überfordern, aber auch ohne die Intelligenz der Kino-Besucher zu beleidigen.

Um diese fremde Natur Pandoras so auferstehen zu lassen, wie sie sich James Cameron vorstellte, war es nötig, völlig neue Aufnahme- und Spezial-Effekt-Technologien zu entwickeln oder bestehende auf ein nie dagewesenes Niveau empor zu heben. Viel wurde in den letzten Monaten in zahlreichen Medien darüber berichtet, dass Avatar durch neueste 3D-Technik das Filmemachen revolutionieren werde und die Spezial-Effekte alles Bisherige in den Schatten stellen würden. Nach einer Weile waren die Meisten geneigt, solche vollmundigen Versprechungen und Aussagen, die in der Regel erstaunlicherweise gar nicht von Cameron selbst stammten, als das übliche Marketing-Gedöns abzutun – zumal die Trailer nur sehr schwach zu vermitteln vermögen, wie Pandora letztendllich im fertigen Film aussieht. Bezeichnenderweise äußerte sich Cameron in einem Interview sogar dahingehend, dass Avatar zwar in 3D mehr biete, doch in der üblichen 2D-Vorführung ebenfalls toll aussehe. Trailer und TV-Spots wiesen zwar auf 3D-Fassungen des Filmes hin, arbeiteten dies indes bei weitem nicht in dem Ausmaß als Alleinstellungsmerkmal heraus, wie jüngst My Bloody Valentine [2009] oder The Final Destination [2009].
Wer mehr über die neue Spezial-Kamera oder das 3D-Aufnahme-Verfahren erfahren möchte, sei an unser ausführliches Special zu AVATAR – Aufbruch nach Pandora verwiesen.

Kurz zusammengefasst hat das in Neuseeland ansässige Spezial-Effekt-Studio "Weta Digital" (Der Herr der Ringe [2001-2003] und King Kong [2005]) federführend in jahrelanger Entwicklung zusammen mit zwölf weiteren Spezial-Effekt-Firmen, zu denen auch George Lucas' "Industrial Light & Magic" und das "Stan Winston Studio" gehören, unzählige Trick-Effekte geschaffen, deren Grundlage das sogenannte Performance-Capture bildet. Dabei wird die komplette Mimik und Gestik eines Schauspielers oder einer Schauspielerin bis ins letzte Detail samt subtiler Gesichtsmuskel- und Augen-Bewegungen aufgezeichnet und dann auf eine digitale am Computer erzeugte Figur übertragen – hier waren dies sämtliche Na'vi und die von Menschen gesteuerten Avatare in Na'vi-Gestalt. Die so generierten Charaktere mussten dann in ebenfalls am Computer erstellte Landschaften und Umgebungen eingefügt werden. Und all dies musste nicht nur ein fotorealistisches Aussehen haben, das von real gedrehten Aufnahmen nicht zu unterscheiden ist, sondern zugleich auch in 3D absolut überzeugend erscheinen. Insgesamt soll Avatar zu 60 Prozent aus am Computer entstandenen Bildern bestehen.
Und genau darin liegt die wahre Leistung aller Beteiligten: Erstaunlicherweise bemerkt der Zuschauer keinerlei Übergang zwischen Realität und Trick-Technik. Alles wirkt absolut echt und ohne Übergang – egal ob schwebende Felsen oder riesige Flugwesen, die Kampf-Helikopter attackieren. Vorbei sind die Zeiten, in denen Menschen als Fremdkörper in einer digitalen Kulisse hervorstachen oder Blue-/Green-Screen-Technik sofort als solche erkennbar war. Gleichzeitig fehlt der gefürchtete sterile Look, der so prominent in der Star Wars-Prequel-Trilogie vorhanden war. Camerons Pandora lebt und atmet und daran besteht für den Kino-Besucher nicht eine Sekunde lang auch nur der geringste Zweifel – auch dank unzähliger Kleinigkeiten, wie Sonnenstrahlen, die nur ein wenig von der Haut der Ohren durchgelassen werden, oder sich leicht verfärbende Fußsohlen, aus denen das Blut beim Auftreten etwas zurückweicht. Bereits mit Abyss und Terminator 2 leistete James Cameron Pionier-Arbeit im Bereich der Trick-Technik; mit Avatar hat er sich nun endgültig selbst einen wichtigen Platz in der Filmgeschichte gesichert.
Das moderne 3D-Verfahren verleiht der Optik eine zusätzliche Ebene der Tiefe, die für den Film-Genuss vielleicht nicht unbedingt notwendig ist, das Erlebnis selbst aber spürbar bereichert. Anders als zum Beispiel Michael Bay in den Transformers-Filmen setzt Cameron eben nicht auf einen sensorischen Overkill, schnelle Schnitte, wilde Kamera-Einstellungen oder Non-Stop-Action. Er weiß, dass sich das Publikum erst an die neue Seh-Erfahrung gewöhnen muss und führt es behutsam mit besonnener Kamera, ebensolchen Schnitten und wohl dosierten Action-Momenten an das Finale heran, dessen phänomenale Schluss-Schlacht James Camerons Ruf festigt, handwerklich der wohl beste Regisseur unserer Zeit zu sein. Spätestens in diesen denkwürdigen rund 40 Minuten wird einem bewusst, wohin die geschätzten 240 Millionen US-Dollar reine Produktionskosten geflossen sind.

Dreh- und Angelpunkt von Avatar ist die Darstellung von Pandoras Ureinwohnern, den Na'vi. Wäre der Zuschauer nicht von ihnen überzeugt, würde der komplette Film nicht funktionieren. Zum Glück gelingt "Wetas" verfeinertem Performance-Capture Etwas, was mit früherer Computer-Animation oder gar Make-Up- oder Masken-Effekten undenkbar war: Die Na'vi und Avatare vermögen die ganze Bandbreite an Gefühlen und Mimik zu zeigen, zu denen auch ein realer Darsteller fähig ist, während zur gleichen Zeit die Körperbewegungen vollkommen natürlich sind. Obwohl von vielen Schauspielern im Film nur die digitale Entsprechung des Na'vi-Charakters oder Avatars auf der Leinwand zu sehen ist, lässt sich deshalb trotzdem eine konkrete Aussage zu ihren darstellerischen Leistungen treffen.
Der in diesem Jahr mit Terminator: Die Erlösung [2009] bekannt gewordene Sam Worthington liefert in der Rolle des Jake Sully eine ansprechende Leistung ab. Durch seine lässige Art sorgt er immer wieder für Schmunzeln oder Lachen im Kino-Saal, ohne dass der Humor gezwungen erscheint. Obwohl Sully zu Beginn nicht unbedingt ein angenehmer Charakter ist, findet der Zuschauer durch Worthingtons Sympathie-Bonus schnell eine Identifikationsfigur und damit Zugang zur Geschichte.
Sobald allerdings Neytiri in der Story auftritt, stiehlt ihre Darstellerin Zoe Saldana allen anderen die Schau. Saldana erweist sich ohne Frage als eine der Stärken des Filmes – wie schon vor ein paar Monaten im Kassen-Hit Star Trek [2009]. Ihre Figur ist die vielschichtigste von Avatar, und Saldana schafft es, durch ihre Körpersprache und Mienenspiel beim Kino-Besucher Faszination für das Volk der Na'vi auszulösen, und sie reiht sich damit nach Sarah Connor (Linda Hamilton), Ellen Ripley (Sigourney Weaver) und Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet) in die Riege der starken Frauen-Figuren im Cameron-Universum ein.
Fast zwanzig Jahre nach ihrer Arbeit an Aliens – Die Rückkehr bedeutet Avatar – Aufbruch nach Pandora auch die Wiedervereinigung zwischen James Cameron und Sigourney Weaver, die die idealistische Wisssenschaftlerin Grace Augustine verkörpert. Weavers Ausstrahlung ist wie immer eine Freude und ihre Mitwirkung sehr willkommen, holt ihre Dr. Augustine den übermütigen Jake doch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
Helden benötigen unweigerlich einen übermächtigen Bösewicht, der sie erst zum Handeln zwingt. In Avatar übernimmt Colonel Miles Quaritch diesen Part, gespielt von Stephen Lang (Public Enemies [2009]). Die Figur selbst ist dabei durchaus beabsichtigterweise überzeichnet und leicht Comic-haft dargestellt. Es ist Langs Verdienst und auch seinem Charisma zu verdanken, dass Quaritch nicht zu einem bloßen Abziehbild gerät, sondern stets eine Bedrohung von ihm ausgeht.
In sehenswerten Nebenrollen sind darüber hinaus unter anderem Giovanni Ribisi (Der Soldat James Ryan [1998]), Joel David Moore (Bones – Die Knochenjägerin [seit 2005]) und Michelle Rodriguez (S.W.A.T. – Die Spezialeinheit [2003]) als ehemalige Pilotin der U.S. Marines vertreten. Zusammen mit CCH Pounder (The Shield – Gesetz der Gewalt [2002-2008]) und Wes Studi (Der mit dem Wolf tanzt [1990]) in den Rollen von Königin und König des Na'vi-Stammes – und damit Neytiris Eltern – bringen sie sich in ein stimmiges Ensemble an erfahreren Schauspielern ein, wobei Cameron bewusst auf große Stars und Namen verzichtet hat.

Die Nachricht, dass James Horner verpflichtet wurde, für Avatar die Musik beizusteuern, kam wenig überraschend. Abgesehen davon, dass Horner zu den bekanntesten Film-Komponisten unserer Zeit gehört, der unter anderem die unvergesslichen Melodien von Braveheart [1995] und Apollo 13 [1995] schrieb, war er auch für Camerons Aliens und vor allem für Titanic verantwortlich, dessen Score sich über 30 Millionen Mal verkauft hatte.
Sich orientierend an dem früheren Erfolg verbindet Horner in seinen Avatar-Kompositionen klassische sinfonische Elemente als Untermalung der Action-Sequenzen mit sphärischen Klängen und Chor-Einlagen in Form von Gesängen in der Na'vi-Sprache. An mehreren Stellen tauchen ferner Anleihen bei früheren Horner-Scores – zum Beispiel Star Trek II – Der Zorn des Khan [1982], Aliens oder Titanic – auf. Im Ergebnis zählt Avatar zwar nicht zu James Horners besten Werken, bietet aber dennoch eine geeignete Unterstützung des Geschehens auf der Leinwand, und insbesondere die ruhigeren Passagen mit den choralen Gesängen sind auch ohne die Bilder schön anzuhören.
Das Hauptthema des Filmes verarbeitete Horner zusammen mit Simon Franglen zu dem neuen Song "I See You", der von der jungen Künstlerin Leona Lewis interpretiert wird, und dessen Text auf die Lebenseinstellung der Na'vi anspielt. Auf diese Weise möchte man verständlicherweise an den Titanic-Erfolg "My Heart Will Go On" von Céline Dion anknüpfen. Dass dies tatsächlich gelingt, darf jedoch bezweifelt werden, denn obwohl sich "I See You" als gefälliger Pop-Song erweist, so fehlt ihm doch der hymnenhaft-epische Reiz von "My Heart Will Go On".

Die deutsche Synchronisation ist durchgehend hervorragend gelungen: Bekannte Darsteller wie Sigourney Weaver oder Sam Worthington wurden von ihren vertrauten deutschen Synchronsprechern vertont, und die anderen Rollen mit professionellen und gut aufgelegten Stimmen besetzt. Das englische Original besticht zwar durch seine Authentizität, doch auch in der deutschen Fassung kann der Zuschauer den Film genießen, was in den letzten Jahren leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Als James Cameron im März 1998 auf dem Podest des Shrine Auditoriums stand und lautstark verkündete "I'm the King of the World!" (deutsch: "Ich bin der König der Welt!"), wie der von Leonardo DiCaprio in Titanic verkörperte Haupt-Charakter, wurde er von vielen belächelt oder sogar als hochgradig arrogant angesehen – immerhin gilt er als despotischer Regisseur, der einen diktatorischen Arbeitsstil pflegt.
Unabhängig davon, ob dies nun der Wahrheit entspricht oder nicht, sind derart entschlossene und kompromisslose Filmemacher vielleicht sogar nötig, dass revolutionäre Werke wie Avatar überhaupt zur Vollendung gelangen können. Es bedarf schon eines ungeheuren Mutes und einer immensen Risiko-Bereitschaft, um solch erhebliche Geld-Summen und die Arbeitsleistung von mehreren Hundert Menschen in ein Projekt zu investieren, von dem man erst ein knappes halbes Jahrzehnt später weiß, ob es tatsächlich funktioniert, und auf der Leinwand genau so aussieht, wie man es sich vorgestellt hat.
Der Erfolg gibt James Cameron Recht: Avatar ist ein außergewöhnliches Werk, das untrennbar mit seinem Schöpfer verbunden ist. Ohne einen Visionär wie Cameron hätte es diesen Film sicherlich nicht gegeben.


Fazit:
Die Geschichte mag vertraut sein und kaum richtige Überraschungen bieten, und die Dialoge zählen zweifellos nicht zu den Höhepunkten des Filmes, wobei die Darsteller durchweg überzeugend agieren, dominiert von einer überragenden Zoe Saldana als Neytiri. Dennoch ist Avatar das Beeindruckendste, was es seit Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs [2003] auf den Leinwänden zu bewundern gab.
James Cameron entführt uns auf den wundersamen Dschungel-Mond Pandora und zeigt uns Bilder und Wesen aus einer faszinierenden, traumhaft schönen Welt, in der man versinken möchte. Dabei gelingt ihm das Kunststück, dass diese Illusion nicht ein einziges Mal gebrochen wird. Hier ist Alles aus einem Guss – Fauna und Flora verschmelzen nahtlos zu einem organischen Ganzen. Avatar – Aufbruch nach Pandora ist ein Fest für die Sinne, ein wahres Kino-Erlebnis – Magie, wie sie in den letzten Jahrzehnten viel zu selten geworden ist.
Eines lässt sich schon jetzt mit Gewissheit sagen: Avatar ist nicht nur ein Meilenstein für das Science-Fiction-/Fantasy-Genre und die 3D-Präsentation im Allgemeinen, sondern zukünftige Werke werden an Avatar gemessen werden. So wie Krieg der Sterne [1977] vor 32 Jahren einen Standard gesetzt hat, läutet Camerons Meisterwerk zumindest in technischer Hinsicht eine neue Ära des Mediums Film ein.

Bitte beachten Sie auch unser großes Special zu AVATAR – Aufbruch nach Pandora!


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