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Arlington Road [1999]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 01. September 2008
Genre: Thriller / Drama

Originaltitel: Arlington Road
Laufzeit: 117 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1999
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Mark Pellington
Musik: Angelo Badalamenti, tomandandy
Darsteller: Jeff Bridges, Tim Robbins, Joan Cusack, Hope Davis, Robert Gossett, Mason Gamble, Spencer Treat Clark, Stanley Anderson, Auden Thornton, Mary Ashleigh Green, Laura Poe


Kurzinhalt:
Auf seinem nach Hause Weg greift Michael Faraday (Jeff Bridges) den blutüberströmten Jungen Brady (Mason Gamble) auf und bringt ihn ins Krankenhaus. Dessen Eltern Oliver (Tim Robbins) und Cheryl Lang (Joan Cusack) sind Michaels neue Nachbarn und können Faraday, der über Bürgerrechte und Terrorismus in den USA doziert, nicht genug danken.
Nicht nur Faradays Sohn Grant (Spencer Treat Clark) freundet sich mit Brady an, auch Michael selbst findet zusammen mit seiner Freundin Brooke (Hope Davis) Zugang zu den Langs. Doch je mehr Oliver über seine Vergangenheit erzählt, um so mehr verstrickt er sich in Widersprüche und Michael kommen Zweifel an seinen Absichten. So bittet er den Kollegen seiner verstorbenen Frau Leah (Laura Poe), den FBI-Agenten Whit Carver (Robert Gossett) um Hilfe, stößt bei ihm jedoch auf taube Ohren.
Darum ermittelt Michael Faraday selbst und je mehr er über Oliver erfährt, umso stärker wird sein Verdacht, sein Nachbar könnte ein Terrorist sein ...


Kritik:
Bereits 1996 gewann der junge Drehbuchautor Ehren Kruger den internationalen Nicholl Fellowship Preis für Arlington Road. Dass es nur drei Jahre dauerte, ehe das Skript verfilmt wurde überrascht insofern, als dass nur wenige der ausgezeichneten Drehbücher überhaupt je das Tageslicht auf Celluloid erblicken.
Was der damals erst 24jährige Autor entwarf traf nach dem verheerenden Bombenanschlag 1995 in Oklahoma, bei dem 168 Menschen den Tod fanden, einen empfindlichen Nerv der amerikanischen Zuschauer. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass der Film, der nur in einer sehr kleinen Anzahl Kinos zu sehen war, das Kritikerlager spaltete und nicht einmal seine Kosten in den USA einspielte. Dabei gestaltet sich das ruhige Thrillerdrama nicht nur innovativ und überraschend, sondern so unvorhersehbar wie facettenreich. Und dieser Verdienst ist hauptsächlich dem Drehbuch zuzuschreiben.

So nimmt sich Kruger bewusst Zeit, seine Hauptfigur Michael Faraday vorzustellen, die nach einem tragischen Verlust ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat und zusammen mit seinem Sohn bereit ist, jeden Tag aufs Neue anzugehen. Seine Arbeit als Dozent und die den Ermittlungsbehörden eher kritisch gegenübergestellten Inhalte seiner Vorlesungen werden ebenso in den Mittelpunkt gerückt, wie seine nach wie vor belastete Beziehung zu seinem Sohn.
Bis auf wenige Momente ist der Film auch einzig und allein aus seiner Perspektive erzählt, was man als Zuschauer somit über seine neuen Nachbarn, die unscheinbaren Langs, erfährt bezieht sich nur auf Faradays Wahrnehmung. Und auch wenn man Faradays Schlussfolgerungen zu Beginn noch als überspitzt und paranoid abtun möchte, gerät man doch wie der sympathische, weil grundsätzlich nicht überzeichnete Charakter zunehmend in Panik.
Mehr über Arlington Road zu verraten würde den Überraschungen nur ihre Wirkung nehmen, welche Auflösung sich Autor Ehren Kruger für seinen Thriller ausgedacht hat, ist jedoch ebenso gewagt wie passend, um die Aussage des düsteren Thrillers zu unterstreichen.

Durch einen ebenso gut ausgewählten wie gut gelaunten Cast wird der Film schließlich zum Leben erweckt. Angeführt von einem überragenden Jeff Bridges, der seiner Figur eine ebenso große Traurigkeit wie Hoffnungslosigkeit verleiht, überzeugt auch Tim Robbins als undurchschaubarer Nachbar, dessen Motive erst viel später im Film aufgeklärt werden.
Auch Joan Cusack bewahrt sich vom ersten Moment an mit dem perfekten 50er-Jahre Lächeln eine Unnahbarkeit, die der nur wenig beachteten Figur zugute kommt. Dahingegen scheint Hope Davis wie die Stimme der Vernunft in Michael Faradays Leben, und es ist ihrem natürlichen Spiel zu verdanken, dass ihr Charakter trotz der wenigen Momente im Film zu überzeugen vermag.
Die kindlichen Darsteller werden zwar nicht in dem Maße gefordert, machen ihre Sache aber gut, wobei Spencer Treat Clark mehr zu tun hat, und auch von Bridges und Davis profitiert, während Mason Gamble hauptsächlich durch sein ruhiges Auftreten beunruhigt.
Abgerundet wird die Besetzung durch bekannte Nebendarsteller wie Robert Gossett, die routiniert keine Wünsche offen lassen, auch wenn abgesehen von den wenigen Hauptfiguren niemandem so viel abverlangt wird.

Ob sich der Filmtitel tatsächlich aus dem Namen des Regisseurs, Mark Pellington, ableitet, ist nicht bekannt. Einen Namen machte sich der ehemalige Musikvideoregisseur seit Arlington Road durch den übernatürlichen Film Die Mothman Prophezeiungen [2002] und die erfolgreiche Fernsehserie Cold Case - Kein Opfer ist je vergessen [seit 2003], bei der er bis 2007 als Regisseur und Produzent tätig war.
Geprägt ist seine Inszenierung von Arlington Road von überstrahlten Bildern, die stellenweise unnatürlich wirken und mit den Zeitlupen und Szenenkompositionen durchaus an Musikvideos erinnern, ohne aber je so hektisch geschnitten zu sein. Die Bilder ergänzen sich gekonnt zu einem stimmigen Gesamtkonzept, das nicht zuletzt durch die Schnittreihenfolge beeindruckt. Ohne fahrige Szenenfolgen erzeugt Pellington in den richtigen Momenten ein ansprechendes Tempo, zeigt dem Zuschauer immer nur so viel, wie er unbedingt wissen muss, um doch einen letzten Zweifel zu bewahren und rückt durch ungewohnte Perspektiven das Gezeigte aus dem bekannten Schema.
Handwerklich gibt es somit nichts zu bemängeln, außer dass die hiesigen Fans des Films vom Verleih im Regen stehen gelassen werden. Nicht nur, dass die amerikanische DVD wie Blu-ray (selbige ist noch nicht einmal in Deutschland erschienen) mit einem Audiokommentar von Regisseur und Hauptdarsteller aufwarten, auch ein beinahe 10 Minuten dauerndes, alternatives Ende ist enthalten, das aus Zeitgründen der Kinofassung entnommen wurde. Doch hierzulande muss man auch darauf leider verzichten.

Einziger Wehrmutstropfen scheint an Arlington Road der uneinheitliche Soundtrack von Altmeister Angelo Badalamenti und dem Synthduo tomandandy, das nicht nur konzeptionell nicht zueinander passen will, sondern auch für den Film nicht die beste Lösung scheint. Denn während es Sieben [1995]-Komponist Howard Shore beispielsweise gelingt, einen ebenso düster-atmosphärischen, wie subtil wirkungsvollen Score für die grauenvollen Bilder jenes Thrillers zu finden, stören die Musiker hier mit ihren oftmals Zusammenhang losen disharmonischen Melodien das Gezeigte mehr, als es zu unterstützen.
Mag dies in den ersten Minuten vor dem Vorspann noch beabsichtigt gewesen sein, fällt die Musik im Laufe des Films mehrmals unangenehm auf, ehe schließlich das Finale mit seinem Spannungsaufbau wieder überzeugen kann. Doch kann man nicht umhin, sich die Arbeit eines anderen Komponisten vorzustellen, dem eine passendere Untermalung für die Szenen gelungen wäre.

Doch das erstklassige Drehbuch zusammen mit den Darstellern und Pellingtons Inszenierung vermag jenes Manko glücklicherweise zu überspielen. Thematisch richtet sich der Film jedoch trotz der zu niedrig angesetzten FSK-Freigabe eindeutig an ein erwachsenes Publikum, das die mehreren Handlungsschichten auch eher verstehen sollte. Wer sich darauf einlässt wird bei Arlington Road mehrere Aussagen vorfinden, von denen manche schneller zu entdecken sind, als andere.
Dass all das noch in einer sehr realistischen Art und Weise gezeigt wird, macht den Film in seiner Wirkung nur intensiver, wenn auch beunruhigender. Angesichts der sich in kürze jährenden Ereignisse muss man trauriger Weise nur feststellen, dass ein solches Thema nicht nur damals wie heute aktuell ist, sondern es wohl auch immer bleiben wird.


Fazit:
Nicht zuletzt dank des ebenso vielschichtigen wie unvorhersehbaren Drehbuchs gelingt Regisseur Mark Pellington mit seinem zweiten Kinofilm ein kleines Meisterwerk. Der ruhige Thriller besitzt keine unnötige Szene, keinen überflüssigen Dialog, gibt den spielfreudigen Darstellern Jeff Bridges und Tim Robbins jedoch so viel, womit sie ihre facettenreichen Figuren zum Leben erwecken können, dass es stellenweise sehr beängstigend wirkt.
So schafft Arlington Road das Kunstwerk, den Zuschauer beabsichtigt wütend zu machen. Wütend auf jene Feiglinge, die Unschuldige mit Bombenattentaten und Anschlägen ihr Leben kosten, oder Familien auseinander reißen. Wütend auf Gesetzeshüter, die falsche Schlussfolgerungen aus fehlerhaften Ermittlungen ziehen. Und wütend auf einen selbst, weil man so bereitwillig einfache Erklärungen annimmt, um jenes Gefühl der Sicherheit zurück zu erlangen, das sich mit den viel komplexeren Hintergründen nicht wieder einstellen möchte.
Und genau darum ist Arlington Road heute so brisant und wichtig wie vor zehn Jahren.


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