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A Ghost Story [2017]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 18. Oktober 2017
Genre: Drama / Liebesfilm / Fantasy

Originaltitel: A Ghost Story
Laufzeit: 92 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: David Lowery
Musik: Daniel Hart
Darsteller: Casey Affleck, Rooney Mara, Will Oldham, Sonia Acevedo, Carlos Bermudez, Yasmina Gutierrez, McColm Cephas Jr., Kenneisha Thompson, Liz Cardenas Franke, Grover Coulson, Barlow Jacobs, Kesha


Kurzinhalt:

An sich hat das Ehepaar C (Casey Affleck) und M (Rooney Mara) einen Umzug geplant, doch dann kommt C bei einem Autounfall ums Leben. Im Krankenhaus erwacht er als Geist in einem weißen Laken und folgt M nach Hause. Ohne ein Gefühl für Zeit beobachtet er, was er verloren hat und ist doch nicht in der Lage, M in ihrer Trauer beizustehen. So sehr C an seine vergangene Existenz klammert, so sehr ist er gezwungen mit anzusehen, wie Ms Leben weitergeht. Und je mehr Zeit vergeht, umso mehr verblasst, wer er einst war. Nur die Frage, was er hinterlassen hat bleibt zurück …


Kritik:
Obwohl man den Titel bei A Ghost Story durchaus wörtlich nehmen sollte, handelt es sich bei David Lowerys Werk nicht um einen Gruselfilm. Er erzählt in einzigartigen Bildern und mit einer kaum vorhersehbaren Struktur ein Drama, das die Themen Verlust, Zeit, das Loslassen, Liebe und die Existenz an sich umspannt. Das ist nicht nur auf Grund der Erzählweise überaus anspruchsvoll und kaum für ein breites Publikum geeignet. Es ist Kunst, die in einer Schlüsselszene unnötigerweise mit Worten erklärt wird, als wäre sich der Filmemacher selbst nicht sicher, ob seine Botschaft sonst verstanden wird.

Was gleich zu Beginn auffällt ist das ungewohnte Bildformat. Nicht nur, dass die Bilder im früher eher für das Fernsehen üblichen Format 1.33 : 1 präsentiert werden, die Kanten des Bildes sind abgerundet. Es ist ein Stilmittel, das sich innerhalb des Films häufig widerspiegelt. Oft werden die Figuren eingerahmt, durch ein Fenster, einen Türrahmen, oder wenn sie in einem erleuchteten Bereich eines Zimmers stehen, während die Perspektive des Zusehers aus dem Dunkeln heraus gewählt ist, so dass der helle Bereich auf beiden Seiten abgegrenzt ist. Das Bildformat selbst verleiht A Ghost Story die Atmosphäre eines Heimvideos. Als wäre man "dichter" an ihnen dran und würde einen intimen Einblick in das Privatleben dieser Figuren bekommen – und das könnte treffender kaum sein.

Im Zentrum steht das namenlose Pärchen M und C, gespielt von einer eindringlich agierenden Rooney Mara und Casey Affleck, der die meiste Zeit über nicht wirklich zu sehen ist. Sehen wir sie zum ersten Mal, dann scheinen sie wie ein glückliches Paar in ihrem Haus, das liebevoll miteinander umgeht. Ein Umzug steht an, doch dann verunglückt C und M bleibt allein zurück. In langen Einstellungen fängt Regisseur Lowery die jeweiligen Momente ein, ohne Schnitt und oftmals sogar, ohne die Perspektive zu ändern.
Wir sind es als Publikum inzwischen gewohnt, dass die Geschichte ständig voranprescht. Sieht man dann eine jung Frau, die gerade einen geliebten Menschen verloren hat, wie sie auf dem Boden ihrer Küche sitzt und einen ganzen Kuchen in sich hineinschaufelt, dann erscheinen diese Minuten auf den ersten Blick unnütz und zu lang. Stattdessen sollten wir uns fragen, was diese Geste für uns bedeutet – und für sie.

Die langen Einstellungen in Kombination mit den spärlichen Dialogen sind ein Stilmittel, das es auszuhalten gilt. Anstatt durch Gespräche oder eine ständige Bewegung der Charaktere eine Geschichte zu erzählen, wird der Erzählfluss hier nicht von der Handlung getrieben, sondern von den Bildern. Sie beschreiben eine Reise, die beinahe poetisch erzählt ist und gleichzeitig leise wie stark gespielt. Die Perspektiven sind fantastisch gewählt, die Zusammenstellung der Szenen drängt sich für eine Deutung geradezu auf.
Schon auf Grund des zurückhaltenden Einsatzes der Dialoge sticht eine Szene beinahe wie ein Fremdkörper hervor. So gut der Abschnitt gespielt ist, in dem eine Figur über den Ablauf der Zeit, das persönliche Vermächtnis und die vermeintliche Sinnlosigkeit der Existenz sinniert, die Wortgewalt steht in einem vollkommenen Widerspruch zur restlichen Erzählweise. Es ist, als wollte Regisseur David Lowery, der auch das Drehbuch schrieb, sicherstellen, dass sein Publikum die Aussage auch verstanden hat. Nur wer bis zu diesem Moment durchgehalten hat, wird das kaum nötig haben.

Schicht für Schicht wird der Inhalt und die Aussage freigelegt. So erfährt man, dass auch die Beziehung der beiden Hauptfiguren von Höhen und Tiefen geprägt war. Wir beobachten, wie sie in das Haus gezogen sind und sehen doch, dass sie weder der Anfang, noch das Ende sind.
A Ghost Story ist ein ausdrucksstarkes Drama, das bedeutend mehr Themen umspannt, als man es bei einem Film mit diesem Titel erwarten würde. Allerdings ist der Film durch seine ungewohnte Erzählweise nur einem kleinen Publikum zugänglich. Wer sich darauf einlässt, kann eine emotionale Reise erleben, die trotz des tieftraurigen Verlaufs am Ende hoffnungsvoll ist. Für eine spezielle Zuschauerschaft ist das durchaus sehenswert.


Fazit:
Lange Einstellungen ohne Schnitt auszuhalten, ist schwerer, als es sich anhört. Der Film tastet sich hier merklich (und bewusst) an die Grenzen heran. Sowohl für die Darstellerinnen und Darsteller als auch für das Publikum. Filmemacher David Lowery erzählt sein Drama auf unkonventionelle Art und Weise und mit einem Gespür für Bilder und Kompositionen, dass es schlicht beeindruckend ist. Der Ablauf der Geschichte ist so unvorhersehbar, ihre Weite kaum in Worte zu fassen. Der Titel ist durchaus passend, fängt jedoch den Kern der Aussage nicht einmal ansatzweise ein. Eindrucksvoll und dennoch zurückhaltend gespielt, ist A Ghost Story geradezu meditativ bis ins augenscheinlich Planlose hinein erzählt. Die Frage, die sich der Regisseur dabei stellen lassen muss ist, ob es keine einfacher zugängliche Möglichkeit gegeben hätte, die Botschaft zum Ausdruck zu bringen. Ja, das ist Kunst und ja, das Gezeigte macht alles Sinn und die Momente greifen schließlich ineinander. Aber bis es soweit ist und einen die emotionale Wucht des letzten Moments trifft, dauert es sehr, sehr lange. Es ist ein Film, der einen beschäftigt, viel länger, als man vermuten oder sich selbst eingestehen würde.
 


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