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Sergej Lukianenko: "Wächter des Zwielichts" [2004]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 31. August 2008
Autor: Sergej Lukianenko

Genre: Fantasy / Horror

Originaltitel: Sumeretschny Dosor
Originalsprache:
Russisch
Gelesen in: Deutsch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 479 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Russland
Erstveröffentlichungsjahr: 2004
Erstveröffentlichung in Deutschland: 2006
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 978-3-453-53198-7


Kurzinhalt:
Normalerweise unbeachtet von den normalen Menschen leben Andere auf der Welt. Ihre Kraft, ihre Fähigkeiten ziehen sie aus dem Zwielicht, einer Zwischenwelt, in die nur Andere vordringen können. Unterteilt in die Lichten und in die Dunklen ringen beide Parteien um die Herrschaft, wobei das Gleichgewicht zwischen beiden im Großen Vertrag geregelt ist, dessen Einhaltung durch die Nachtwache der Lichten und die Tagwache der Dunklen kontrolliert wird. Beiden übergeordnet ist die Inquisition, welche beide Wachen überprüft, und in der sowohl Lichte wie Dunkle vertreten sind.
Doch das Gleichgewicht droht zu kippen, als ein Brief die Wachen und die Inquisition erreicht, in dem die Rede davon ist, dass ein normaler Mensch in einen Anderen verwandelt werden kann. Da lediglich der Ort bekannt ist, von wo aus der Brief versandt wurde, wird ein Einsatzteam bestehend aus Anton Gorodezki, dem Vampir Kostja und dem Inquisitor Edgar, die herausfinden sollen, wer den Brief verfasste, und wie diese Verwandlung denn möglich sei. Doch während ihre Ermittlungen immer mehr Verdächtige ausschließen, als tatsächliche Fortschritte erzielen, kommt Anton ein dunkler Verdacht, dass auch die Leiter der Nacht-, Tagwache und der Inquisition verstrickt sein könnten. Aber wer auch immer dahinter steckt, er könnte den ewig währenden Konflikt zwischen Lichten und Dunklen zu einem Abschluss bringen – oder die Existenz der Anderen im Allgemeinen …


Kritik:
Ursprünglich hatte der russische Autor Sergej Lukianenko sein Fantasy-Epos lediglich als Trilogie konzipiert. Doch die überaus erfolgreiche Verfilmung Wächter der Nacht [2004] beflügelte ihn schließlich, seinem eigentlichen Abschluss, Wächter des Zwielichts einen weiteren Einstand folgen zu lassen. Nach dem etwas enttäuschenden Wächter des Tages [2000]-Roman, der immerhin nur zwei Jahre nach dem Erstling Wächter der Nacht [1998] entstand, durfte man also gespannt sein, was Lukianenko seinen Lesern bieten wollte. Und dies ist in der Tat mehr als nur überraschend, auch wenn der Abschluss für die Auflösung der Trilogie mehr als schwach gewesen wäre.

Wieder einmal ist das Buch selbst in drei einzelne Geschichten unterteilt, durch die sich erneut ein roter Handlungsfaden zieht, dem es auf den Grund zu gehen gilt. Anton Gorodezki muss sich dabei der Frage stellen, ob es tatsächlich möglich ist, einen gewöhnlichen Menschen in einen Anderen zu verwandeln. Auch wenn dieses Vorgehen eine Verletzung des Großen Vertrages darstellen würde, wäre es doch insbesondere für die idealistischen Mitglieder der Nachtwache interessant, die ja allgemein der Meinung sind, die Menschen vor der Entdeckung der Anderen beschützen zu müssen.
Doch diese Überzeugungen, die man als Leser seit dem ersten Roman mit Anton ja teilt, werden hier umgekrempelt und von innen nach außen gekehrt. Nicht nur, dass erklärt wird, welcher Natur die Anderen tatsächlich sind, ob sie denn nun höhere, erleuchtete Wesen sind, oder nicht, sondern es wird auch geklärt, welche Funktion die beiden Wachen und die ihnen übergestellte Inquisition tatsächlich hat.
Einmal abgesehen davon, dass die Geschichte wieder mit einigen interessanten Überraschungen bezüglich des Universums der Anderen parallel zu unserer normalen Welt aufzuweisen hat, und auch das Zwielicht tiefgehender erforscht wird, als noch zuvor, ist es jene Ursprungserklärung und der beschwerliche und auch durchaus deprimierende Weg Antons hin zu jener Erkenntnis, die Wächter des Zwielichts ausmacht. Wie viel davon Lukianenko schon zu Beginn seiner acht Jahre zuvor begonnenen Fantasy-Reihe ausgearbeitet hatte, sei dahingestellt, aber es ist faszinierend, welch neue Facetten er der Welt der Anderen abgewinnt. Die Geschichten überzeugen wieder einmal durch eine sehr stimmige Atmosphäre, die auf beinahe schon spielerische Weise die Anderen in das normale Weltbild einfügt und doch den alltäglichsten Situationen und Gegebenheiten etwas Unerwartetes hinzufügen. Es scheint auch, als würde der Autor seine Aussage bedeutend zielstrebiger verfolgen, als beispielsweise bei Wächter des Tages.

Lediglich das Finale und der Epilog enttäuschen hier ein wenig, doch dies hauptsächlich, weil man sich wünschen würde, dass eine Zusammenarbeit aller Hauptfiguren nötig wäre, um die drohende Katastrophe abzuwenden. Ein Alleingang wie beschrieben stellt die Fans zwar durchaus zufrieden, würde jedoch als Abschluss der Reihe zu viele Fragen offen lassen und zu wenig die Wachen selbst, ihre Zukunft und ihre Bestimmung in den Mittelpunkt rücken.

An den Figuren gibt es indes nichts zu bemängeln und es ist erstaunlich, wie sehr sich alle Beteiligten in den knapp 500 Seiten weiter entwickeln. Angefangen von Anton, dessen Weltbild gleich mehrmals neu gezeichnet wird, und der sich am Ende doch mit mehr Fragen als Antworten zufrieden geben muss. Aber auch seine leider nur kurz eingebundene Frau Swetlana und ihre kleine Tochter werden entsprechend vorgestellt, um ihren Platz zu finden und ihre Bestimmung zu akzeptieren. Selbst der Inquisitor Edgar wird nicht vernachlässigt, sondern hat eine wichtige Aufgabe zugeschrieben bekommen.
Woran es Wächter des Zwielichts fehlt ist ein eindeutiger Bösewicht. Dieser 'Posten' bleibt angesichts des nur selten vorgestellten Sebulon oder der undurchschaubaren und letztlich "nur" durchtriebenen Hexe Arina, unbesetzt. Selbst Geser und Olga bleiben nebulös, ohne sich jedoch entscheiden zu wollen. Ein Highlight des Romans ist die Figur des Vampirs Kostja, einem früheren Freund Antons, der dem lichten Magier die wichtigsten und auch entscheidenden Fragen stellt. Insofern ist es traurig, dass seine Figur im letzten Buch so vernachlässigt wurde.
Die Charakterzeichnungen sind sehr gut gelungen, bieten viele verschiedene Gesichtspunkte und auch unterschiedliche Meinung zu ein und demselben Thema. Der Abwechslungsreichtum, den Lukianenko hier trotz einer relativ geringen Anzahl Figuren erreicht ist beeindruckend und einer der größten Vorteile des dritten Wächter-Romans.

Für die deutsche Übersetzung ist einmal mehr Christiane Pöhlmann verantwortlich, der es zum größten Teil gelingt, die Stolpersteine in den Dialogen zu umschiffen. In manchen Situationen liest sich Wächter des Zwielichts dennoch holprig, was allerdings auch an den leider oft verwendeten Lied-Auszügen liegen mag, die russischen Lesern womöglich vertraut vorkommen, aber trotz der lyrischen Übersetzung erzwungen erscheinen.
Ärgerlich ist wieder einmal, dass sich ab der Hälfte wiederholt Schreibfehler einschleichen, die sich mitunter auch auf eine Neuübersetzung bestimmter Abschnitte zurückführen lassen. Dieser Mangel ist auch bei den ersten beiden Romanen zu beobachten gewesen, trübt das Lesevergnügen aber zum Glück nur minimal.

Wie Sergej Lukianenko sein Epos um die Welt der Anderen und ihre ungewisse Zukunft in Wächter der Ewigkeit enden lassen wird, ist hier noch nicht abzusehen. Auch ob der vierte Teil denn der letzte Beitrag des russischen Fantasy-Autors sein wird, ist nicht bekannt. Eine 20-seitige Kurzgeschichte mit dem Originaltitel Melkij Dosor (Die kurzen Wächter) ist im Sommer 2007 in einem russischen Sammelband erschienen.
Man kann nur hoffen, dass der Abschluss epischer gestaltet sein wird, als das Finale und der Epilog dieses Buches. Denn auch wenn sie einen Abschluss bieten, so packend, bombastisch oder endgültig wie man ihn sich wünschen würde, ist er leider nicht.


Fazit:
Eines der häufigsten Phänomene, die bei mehrteiligen Fantasy-Werken zu beobachten ist, ist das mangelnde Vermögen der Fortsetzungen, ebenso fesseln zu können, wie der erste Roman. Dies war auch bei Wächter des Tages der Fall. Bei Wächter des Zwielichts, der bis auf die jeweiligen Prologe der drei Geschichten einzig aus der Sicht von Anton Gorodezki erzählt ist, schafft es der Autor jedoch, der Hintergrundmythologie um die Anderen, das Zwielicht und die Beziehung zwischen den Wachen eine neue Bedeutung und eine größere Tiefe zu verleihen. Statt die Grenzen wie gehabt zu ziehen, oder aber die Unterschiede zwischen Dunklen und Lichten einfach zu verwaschen, geht Lukianenko einen anderen Weg. Er relativiert die Ursprünge der Anderen an sich, verleiht dem inzwischen gereiften Gorodezki eine neue Perspektive und rückt somit das vermeintlich bekannte Universum in ein ganzes neues, faszinierendes – aber auch ernüchterndes – Licht.
Dieser Wechsel ist es, der Wächter des Zwielichts für mich so interessant machte und zusammen mit der Grundstory, die sich durch die drei Geschichten zieht und deutlich stringenter verfolgt scheint, als im letzten Buch, den Lesespaß für mich erhöhte. So fliegen die knapp 500 Seiten am Leser vorbei, ohne je zu langgezogen zu wirken, oder aber gehetzt. Die einzelnen Stories sind interessant und vermögen durch neue Ideen und jene Magie zu beeindrucken, die Wächter der Nacht bereits ausgemacht hat, ohne die bekannten Muster doch nur zu wiederholen. Mehr kann man sich für einen weiteren Einstand der Reihe grundsätzlich nicht wünschen. Nur die Auflösung am Schluss fällt blasser und ohne den erwünschten Knalleffekt, vor allem aber ohne die Zusammenwirkung der verschiedenen, bekannten Figuren aus. Hier kann man nur hoffen, dass der Autor für Wächter der Ewigkeit ein würdigeres Finale finden wird.


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