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Aldous Huxley: "Schöne neue Welt" [1932]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 03. September 2007
Autor: Aldous Huxley

Genre: Sience Fiction

Originaltitel: Brave New World
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 255 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Großbritannien
Erstveröffentlichungsjahr: 1932
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1953
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-586-04434-5


Kurzinhalt:
Was bei Bernards Züchtung im Labor vorgefallen ist, darüber munkeln seine Kollegen. Für einen Angehörigen der Alpha-Kaste ist er relativ klein und interessiert sich trotz seiner Konditionierung im Jugendalter zu wenig für Sport. Nicht nur, dass viele Frauen auf ihn abweisend reagieren, an den ständigen Wechseln der Partnerinnen, wie es von der Regierung vorgeschrieben ist, hat er kein Interesse.
Als er mit Lenina, einer der wenigen Frauen, die Bernard haben möchte, in einer Reservat der Wilden fährt und dort einen jener einfacheren in die normale Zivilisation mitnimmt, wittert er gar die Möglichkeit, zu Ruhm und Anerkennung zu gelangen. Dass er damit eine Kettenreaktion in Gang bringt, die er nicht zu stoppen vermag, ahnt er nicht in jener "Schönen neuen Welt", in der jeder Mensch seinen Platz in der Gesellschaft hat und die Menschen durch Sex, Drogen und Konsum künstlich glücklich gehalten werden ...


Kritik:
Kaum ein Zitat stammt aus einem Werk Shakespeares, das dem Stil bildenden Künstler in den meisten Fällen gar nicht zugeschrieben wird – "Schöne neue Welt".
Auf Grund der inzwischen schon überall bekannten Bedeutung jenes geflügelten Begriffes, identifiziert man damit eine gar nicht rosige Vorstellung der Zukunft, ihrer überwachenden und kontrollierenden Staatsorgane und einer generell sehr düsteren, wenn auch durch viele Vorteile schmackhaft gemachten Begleiterscheinungen. Statt einer Utopia, einer kaum zu erreichenden, perfekten Zukunftsvision, erwartet man ein so genanntes Dystopia. Gerade heute, in einer Zeit, in der genetische Manipulationen im Lebensmittelsektor alltäglich geworden sind, ein weiterer Schritt in Richtung maßgeschneiderter Mensch immer greifbarer wird und die Privatsphäre des Menschen faktisch nur noch auf dem Papier existiert, scheint Aldous Huxleys Gesellschaftsvision gar nicht mehr unwahrscheinlich.

Dabei stießen die von ihm prophezeiten Aspekte einer Gesellschaft, in der die Menschen nicht mehr geboren, sondern je nach Bedarf gezüchtet werden, ihre Fähigkeiten, Vorlieben und Konsumeigenschaften bereits in die Wiege gelegt und im Laufe der Jugend auch entsprechend konditioniert werden, nicht durchweg auf Abneigung. Gerade die  prüde Bürgerschaft stand der promiskuitiven Lebensweise und der Vorstellung einer nebenwirkungsfreien, legalisierten Droge aufgeschlossen gegenüber – ein Fakt, gegen das sich Huxley in den folgenden Jahren stets wehrte.
Nichtsdestotrotz ist Schöne neue Welt als Kind seiner Zeit zu sehen, weswegen die Dystopie zwar 75 Jahre nach ihrer Entstehung zwar nichts von ihrer Faszination, aber dennoch an Aktualität verloren hat. Auf technische Neuerungen wie die Modernisierung durch Computer, die Vor- und Nachteile der Atomtechnik konnte Huxley seinerzeit nicht eingehen, weil ersteres noch nicht entdeckt worden war und letzteres, weil die Welt vor Hiroshima jene katastrophalen Auswirkungen noch nicht erlebt hatte.
Dafür wiegt der Autor jene Merkmale durch ebenso eindeutige wie interpretierungsfähige Charakterzeichnungen auf, die abgesehen von der totalitären Gesellschaftsstruktur in gleichen Teilen im Mittelpunkt des Romans stehen. Der Inhalt, wenn auch in die Jahre gekommen, birgt dennoch viel Gesprächsstoff und soll die Gemüter wohlweislich zum Nachdenken anregen. Interessant aus heutiger Sicht ist dabei – wie bei allen prägenden Werken aus jener Zeit – in welcher Weise die Autoren die ihnen unbekannten Techniken umschreiben, um dennoch denselben Effekt zu erzielen.

Ein wenig bedauerlich ist, dass Huxley zwar viel Zeit darauf verwendet, den Tagesablauf und die Persönlichkeit der Bürger jener schönen, neuen Welt zu erläutern, auch darauf eingeht, wie sie sich an dem Ungewohnten ergötzen, aber dennoch vermissen lässt, wie sich eine Figur, die in die altertümlichen Gefilde jener Reservate geworfen wird, zurück entwickelt – oder aber weiter entwickelt.
Im Schnellverfahren bekommt man das an Linda zwar gezeigt, die vor vielen Jahren dort strandete, doch zeigt dies der Autor lediglich in einer Retroperspektive, anstatt ein solches Szenario an einem von Anfang an eingeführten Charakter zu exerzieren.
In die entgegen gesetzte Richtung, wie schnell jemand von einer einfacheren Gesellschaft in den Sog einer fortschrittlicheren gerät, zeigt Aldous Huxley hingegen und gibt gleichzeitig auch Antwort auf die einzig mögliche Reaktion einer solchen Figur. Woran es dem Autor allerdings mangelt, ist irgendeine Identifikationsfigur im Laufe des gesamten Romans. Nicht nur, dass bestimmte Figuren nur über gewisse Abschnitte hinweg begleitet werden, keine einzige Figur zeigt sich sympathisch. Dadurch erreicht der Autor allerdings auch eine andere Perspektive des Lesers, der sich weniger in jene Welt hineingezogen fühlt, anstatt sie wie von der Außenseite eines Terrariums aus zu beobachten.

Schon daran merkt man allerdings, dass Brave New World, so der Originaltitel, nicht als Unterhaltungsroman gedacht ist und sich im Endeffekt auch nicht als sehr unterhaltsam oder leicht lesbar herausstellt. Stattdessen verarbeitete Huxley seine Visionen einer düsteren Zukunftsgesellschaft zu einer interessanten, anschaulich dargebrachten Abhandlung, zu deren Besuch er seine Leserschaft einlädt.
Kein Wunder also, dass der Roman eine sehr unstrukturiert erscheinende Dramaturgie aufzuweisen hat, die sich im ersten Drittel bereits in kürzester Zeit auf drei Ebenen zu einem Höhepunkt zuspitzt, dessen Sinn und Zweck aber nach heutigen Maßstäben kaum zu ersehen ist. Auch das Finale selbst, dessen Ausgang der Autor bereits vorweg anklingen lässt, kommt mehr oder weniger plötzlich und wirkt verstörender, als man dies nach zwei Drittel des Buches gedacht hätte.

Sprachlich richtet sich Schöne neue Welt im englischen Original sicherlich an eine sowohl wissenschaftlich wie auch philosophisch bewanderte Leserschaft, zumal das Buch durch seine Entstehungszeit mit vielen heute nicht mehr gebräuchlichen Ausdrücken und Formulierungen aufwartet, was den Lesefluss zwar etwas trübt, dafür aber auch eine unvergleichliche Atmosphäre erzeugt. Wer also gegen eine anspruchsvollere Lektüre nichts einzuwenden hat und gewillt ist, das ein oder andere Wort nachzuschlagen (vom Verständnis der vielen, zitierten Shakespeare-Passagen ganz abgesehen), sollte sich auch die originale Sprachfassung zu Gemüte führen.
Dies umso mehr, da die immerhin 20 Jahre später erschienene deutsche Ausgabe erneut angepasst wurde und sowohl mit einer anderen Lokalität, als auch anderen Namen der Figuren aufwartet. Aus damaliger Sicht mag dies unter der Leserschaft einen größeren Wiedererkennungswert ermöglicht haben, in der zunehmend internationaler gewordenen Gesellschaft heute, ist dies aber eher störend.

Klappt man Aldous Huxleys wohl bekanntestes Werk nach den knapp 250 Seiten wieder zu und liest mit offenen Augen die Schlagzeilen der heutigen Welt, kommt man nicht umhin, die eine oder andere Parallele zu entdecken. Genau das ist es, was gute, zeitlose Science Fiction ausmacht, und genau das ist der Grund, weswegen viele Menschen lieber früher als später ihren Unmut über geplante "Verbesserungen" der Sicherheit Kund tun, wenn diese bedeuten, dass die Bürger immer durchsichtiger werden.
Dabei bezieht der Autor selbst keine Position bei seinen Schilderungen, zeigt seine Vision in ebenso stilisierten wie neutralen Bildern und überlässt es dem Leser selbst, auszuwählen, welche Kompromisse er oder sie bereit ist, für ein scheinbar glückliches und sicheres Dasein einzugehen.
Schon deshalb ist es notwendig, sich in diese Schöne neue Welt einzulesen, bevor wir eines Tages in ihr aufwachen.


Fazit:
Krankheiten, bis auf wenige ausgerottet, jeder Mensch hat seinen Platz in der Gesellschaft, Kriege gehören der Vergangenheit an und jeder Mensch ist glücklich – wer hätte dies nicht gern?
Doch all das hat seinen Preis, und der ist hoch. Wie kaum ein anderer schildert Aldous Huxley in seinem Roman eine solche Zukunftsvision und seziert sie dabei in ihre Auswirkungen und ihre Anforderungen. Die Wissenschaft einzudämmen, Individualität und freie Entfaltung aufzugeben, beziehungsweise sie kanalisiert und gewisse Bahnen für eine Elite vorzugeben, scheint im ersten Moment grausam und unvorstellbar, bis man sich die bereits heute etablierte Gesellschaft genauer ansieht und ihre Klassen entdeckt. Dass dabei alle die gleichen Möglichkeiten haben, sich alle gleich gut entwickeln, ist gar nicht gewünscht. In der Schönen neuen Welt, wie in unserer.
Es ist erschreckend, wie viel von jenem Dystopia bereist in der heutigen Zeit zu finden ist, und wie viel sich momentan noch ankündigt. Ebenso tragisch ist es, dass Einiges bereits zu Huxleys Zeiten existierte. Gerade das aber macht Brave New World so wichtig und erkennbar zeitlos. Einfach oder gar schön zu lesen war der Roman in meinen Augen nicht, und doch erzeugt der Autor in seinem Klassiker des Genres gerade dadurch die gewünschte Wirkung beim Leser.


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