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Thomas Thiemeyer: "Reptilia" [2005]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 06. Juni 2007
Autor: Thomas Thiemeyer

Genre: Fantasy / Unterhaltung

Originalsprache: Deutsch
Gelesen in: Deutsch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 383 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Deutschland
Erstveröffentlichungsjahr: 2005
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 978-3-426-63458-5


Kurzinhalt:
Der junge Genetiker David Astbury staunt nicht schlecht, als ihn die Mutter seiner Jugendliebe Emily, Lady Palmbridge, in die USA fliegen lässt, um sich ein Video anzusehen, das Emily bei ihrer verschollenen Kongo-Expedition gefilmt hat. Was Astbury und die beiden anderen Gäste Palmbridges, der australische Jäger Stewart Maloney und dessen Freund Sixpence, zu sehen bekommen, lässt sie fassungslos zurück.
Inmitten des afrikanischen Urwalds, im Herzen des Kongo, hatte Emily Palmbridge den letzten überlebenden Dinosaurier ausfindig gemacht. Von den Einheimischen als Fabelwesen ehrfürchtig in Erinnerung gehalten, lebt Mokéle M'Bembé abgeschieden im Lac Télé. Nun sollen Astbury und seine Begleiter Emily und ihre Expedition ausfindig machen.
Zusammen mit der ansässigen Elieshi n'Garong machen sie sich auf zum See – doch ehe sie dort ihre Antworten finden, müssen sie das Geheimnis einer längst verschwundenen Zivilisation lüften, und erkennen, dass sich hinter dem riesenhaften Wesen weit mehr verbirgt, als ein Nachfahre der Dinosaurier ...


Kritik:
Egal in welchem Unterhaltungsmedium, inzwischen ist es überall merklich schwerer geworden, neue Ansätze zu finden, um die Menschen zu faszinieren, zu überraschen und zu unterhalten. Manch ein Zyniker würde behaupten, es gibt seit Ewigkeiten keine neuen Ideen mehr, vielmehr Abwandlungen der alten.
Thomas Thiemeyer, der mit seinem ersten Erwachsenen-Roman Medusa [2004] einen erfolgreichen und anerkannten Einstand in der Literatur-Welt feierte, machte sich nur wenig später auf, den Leser erneut in eine fremde Welt zu entführen, die sich mitten auf unserem Planeten verbirgt. In den Urwäldern des Kongo lädt er die Leserschaft ein, ein längst tot geglaubtes Relikt einer alten Zivilisation zu entdecken, ihr Geheimnis zu lüften und einen Trupp Forscher und Jäger zu begleiten, die sich aufmachen, die erste, verschollene Forschungsexpedition ausfindig zu machen.
Dabei bedient sich Thiemeyer unverholen bekannter Genrebeisätze, gräbt tief in den Kisten alteingebrachter Charakterzeichnungen und spinnt daraus letztlich einen durchaus unterhaltsamen, flotten Abenteuerroman, der einige wirklich faszinierende Theorien in sich vereint, aber schlussendlich an ähnlichen Problemen krankt, wie Medusa zuvor. Leider, denn an sich hätte man aus Reptilia noch bedeutend mehr herausholen können.

Die erste Hürde, die der Autor leider zu nehmen vermisst, liegt an sich darin, wie eine klassische Monster-Geschichte aufgebaut ist – sei es nun Monster oder nicht.
Dies gliedert sich gewohnterweise in drei Akte: 1. die erste Begegnung mit dem Monster; 2. der erste Versuch, das Tier zur Strecke zu bringen, der allerdings misslingt und 3. der improvisierte und fast hoffnungslose zweite Versuch als Finale. Doch leider sind die Andeutungen, die Thiemeyer seinen Figuren in den Mund legt so offensichtlich, dass man als Leser schon nach der ersten Begegnung durchschaut hat, worauf die Geschichte hinauslaufen wird – den zweiten Punkt überspringt der Autor schließlich ganz, ehe es zum Finale kommt, das aber an sich gar keines ist, auch wenn es immer noch spannend bleibt.
So versucht Thiemeyer, der augenscheinlichen Ausgangslage einige neue Wendungen zu verpassen, die zwar für sich genommen funktionieren, aber letztlich auf Grund der Vorhersehbarkeit der Story selbst, die Bedrohung für die Figuren nie real werden lassen. Wer nach der Expedition wieder aus dem Kongo in die Heimat zurückkehren wird, weiß man als im Genre versierter Leser zu Beginn und es ist bedauerlich, dass der Autor hier nicht mehr Mut beweist, um mit den Klischees zu brechen.
Die Hintergrundgeschichte an sich ist sehr interessant, vereint gekonnt verschiedene wissenschaftliche Meinungen, Theorien und Analysen, auch wenn manche Schlussfolgerungen etwas weit hergeholt erscheinen. Dennoch überzeugt Thomas Thiemeyers Abenteuerroman in diesen Belangen tadellos. Unerwartete Storytwists hätten das Buch aber merklich spannender gestalten können – und trotz des Unterhaltungswerts, sinkt die Spannung gerade in den letzten 50 Seiten immer mehr, anstatt sich weiter aufzubauen.

Die Charaktere sind nicht nur gut ausgebaut, sondern auch bunt zusammengewürfelt, insbesondere Sixpence als Figur überrascht, wohingegen David Astbury und Stewart Maloney zu glatt und absehbar sind, ihre Hintergründe zu sehr am Reißbrett entworfen. Dahingegen wirken Elieshi und Egomo geradezu untypisch, kantig und unvorhersehbar – eben diese Eigenschaften hätte man sich auch bei den anderen Figuren gewünscht.
Dahingegen scheinen die Charakterentwicklungen, wenn auch absehbar, immerhin sehr passend und auch gut eingebracht. Hier hat sich Thiemeyer weitaus mehr einfallen lassen, als noch bei Medusa.

Auch der dramaturgische Aufbau scheint hier durchdachter, gleichwohl Reptilia in den wissenschaftlichen Moment stärker aufblüht, als in den Actionszenen, die zwar gut beschrieben sind, in ihrer Komposition aber jeweils noch das letzte Quäntchen Spritzigkeit vermissen lassen.
Der Spannungsbogen braucht allerdings eine Weile, ehe er sich denn tatsächlich aufbaut, auch wenn der Autor dem entgegen zu treten versucht, indem er zu Beginn die Geschichte aus Sicht des Pygmäen Egomo erzählt – immerhin ist die Hälfte des Romans vorüber, ehe die Protagonisten dem sagenumwobenen Mokéle M'Bembé zum ersten Mal gegenüber stehen.
So liest sich Thiemeyers Roman zwar sehr schnell, wirklich spannende Momente bauen sich aber erst später auf, abgesehen davon, dass sie auch nicht lange anhalten.

Ob es außerdem ein kluger Schachzug war, die Hauptgeschichte um David Astbury durch seine Augen in der "Ich"-Perspektive zu erzählen, darüber lässt sich streiten. Somit steht bereits außer Frage, dass der vermeintliche Held der Expedition vorzeitig das Zeitliche segnen wird.
Sprachlich mag dies eine Herausforderung gewesen sein und es verleiht der Geschichte auch einen tagebuchartigen Dokumentarstil, doch scheint die Perspektivenwahl für einen klassischen Abenteuerroman nicht so recht zu passen.
Ebenso wenig wie manche Dialogzeilen zu den Figuren passen wollen. So meint der Universitätsgelehrte in der Tat, dass ihm "wehmütig ums Herz wird", und auch der australische Großwildjäger vermag es, sprachlich versiert in adjektivierten Nebensätzen: "[...] verschwand es, eine Blutspur hinter sich herziehend, im [...]" zu sprechen. Dies wirkt bei den Beteiligten schlichtweg unpassend und man stolpert als Leser gerade bei den an sich sehr unterhaltsamen Passagen immer wieder über diese Ausdrücke.
Über jeden Zweifel erhaben sind die Landschaftsbeschreibungen, die einmal mehr so lebendig gelungen sind, dass sich sofort ein Bild vor dem geistigen Auge des Lesers abzeichnet. Hier spielt der Autor seine Stärken ebenso aus, wie beim Verknüpfen der verschiedenen wissenschaftlichen Faktoren, die dem Roman den Flair eines Techno-Thrillers verpassen.

Was nach nicht ganz 400 Seiten bleibt, ist die Erinnerung an einen guten, aber leider nicht sehr guten Abenteuerroman, der zwar eine atmosphärische Stimmung erzeugt, doch dann bei vielen Nebensächlichkeiten wie Storywendungen oder Dialoge zu wünschen übrig lässt.
Nichtsdestotrotz bleibt Reptilia eine kleine Steigerung gegenüber Medusa, auch wenn es gerade deshalb so ärgerlich ist, dass der Autor mit wenigen Änderungen ein stimmigeres Bild seiner Kongo-Expedition hätte zeichnen können. So sei Thiemeyers zweiter großer Roman all denen empfohlen, die neben einer flotten Geschichte auch Substanz mitgeliefert bekommen wollen und nicht zuletzt sind die Fragen, die der Autor zum Thema Immunisierung und dem Fortbestand der Menschheit aufwirft, mehr als nur interessant.


Fazit:
Grundsätzlich liest sich die Ausgangsidee von Thomas Thiemeyers Reptilia wie eine Mischung aus Godzilla und Jurassic Park, gepaart mit einigen einfallsreichen Pointen und einer zugegebenermaßen neuen Abwandlung eines bekannten Ansatzes.
Dabei hat sich der deutsche Autor seit seines Erwachsenen-Einstands Medusa merklich weiter entwickelt, so dass die Monsterhatz zumindest mit einem strukturierteren Aufbau glänzen kann. Woran es nach wie vor hakt, ist die Umsetzung und die Dialoge, wohingegen die Verknüpfung der einzelnen Theorien zu einem großen Ganzen sehr anschaulich gelungen ist. Zwar scheinen manche Entwicklungen in Reptilia sehr weit hergeholt und auch nicht immer schlüssig, doch immerhin gelingt dem Autor hier eine durchweg unterhaltsame Abenteuergeschichte.
Diese lebt in meinen Augen erneut durch die detaillierten Landschaftsbeschreibungen der Flora und Fauna, auch wenn es Thiemeyer hier mitunter zu gut meint und den Leser auf zwei Seiten mit einem Dutzend Insekten- und Tierarten konfrontiert, unter deren Namen man sich meist nichts vorstellen kann. Das wirkt zwar fachlich kompetent, ohne Beschreibung aber, als wäre man als nicht wissender Leser schlicht und ergreifend ungebildet.
Ein Graus sind mitunter die Dialoge, die immer noch sehr hölzern erscheinen, wobei das allein stehende "?" als vollständige Dialogzeile das Highlight bildet. Hätte der Autor außerdem die meisten Klischees umschifft, anstatt sie auszuwalzen, wäre Reptilia noch ein Stück besser geworden, als es ist.


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