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Charles Dickens: "Eine Weihnachtsgeschichte" [1843]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 10. November 2009
Autor: Charles John Huffam Dickens

Genre: Fantasy

Originaltitel: A Christmas Carol
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Elektronische Ausgabe Projekt Gutenberg
Länge: 66 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Großbritannien
Erstveröffentlichungsjahr: 1843
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1844
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): -


Kurzinhalt:
Es ist Weihnachtsabend, als sich der grantige Geizhals Ebenezer Scrooge zurück zieht – schlimm genug, dass er morgen, am Weihnachtstag, nicht arbeiten kann. Sieben Jahre sind vergangen, seit sein Geschäftspartner Jacob Marley gestorben war, auch wenn Scrooge nicht allzu viele Gedanken seither an ihn gerichtet hatte. Doch dann steht urplötzlich Marleys Geist vor ihm, eingewickelt in schwere Ketten, und warnt ihn davor, welche Bürden Scrooge im nächsten Leben zu tragen hat, wenn er sein ich-bezogenes Dasein nicht ändert.
Zutiefst erschüttert würde Scrooge die Erscheinung noch als "Humbug" abtun, käme nicht wenig später wie angekündigt der erste von drei Geistern der Weihnacht zu ihm, um ihm vor Augen zu führen, was gewesen, was ist und was sein wird – oder sein könnte ...


Kritik:
Die Situation in einer Großstadt, in der sich die reichen Bürger um sich kümmern, während die Armen auf der Straße hungern, war vor über 150 Jahren wohl nicht viel anders als heute. Die Sozialsysteme existierten damals nicht, und entweder man hatte das Glück, in einer wohlhabenden Familie aufzuwachsen, oder der Verlauf des eigenen Lebens war in groben Zügen schon vorgegeben. In seiner Weihnachtsgeschichte erzählt Charles Dickens von einem geizigen Griesgram, der wie viele andere seiner Art der Meinung ist, Reichtum ist dazu da, vermehrt zu werden, und der bislang keinen Gedanken daran verschwendet hat, dass er irgendwann einmal nichts davon wird mitnehmen können. Das geht so lange, bis der verbitterte alte Mann vom Geist seines vor sieben Jahren verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley aufgesucht wird, der ihm prophezeit, dass er im Leben nach dem Tod ebenso schwere Ketten um sich tragen wird, wie es bei Marley der Fall ist, sollte er seinen Lebensstil nicht ändern. Um dies zu untermauern, wird der Geizkragen von drei weiteren Geistern an die Weihnachtsabende der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft gebracht, um daraus seine Lehren zu ziehen.
Die Wandlung Ebenezer Scrooges vom Saulus zum Paulus ist dabei der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Und auch, wenn dies selbst zu Zeiten Charles Dickens' nicht wirklich neu war, bringt der Autor dies in Zeiten der Industrialisierung und angesiedelt in einem authentischen London um 1850 treffend zum Ausdruck. Seither wurde die Weihnachtsgeschichte nicht nur schon zig Mal variiert, sondern selbst damals sofort als Bühnenstück adaptiert. Viele Abwandlungen in Buch-, Theater- und Filmform später, kommt man irgendwann doch wieder auf das Original zurück, das sich auch in der heutigen Zeit mühelos behaupten kann. Interessant ist dabei insbesondere in der zweiten Romanhälfte, wie Autor Dickens die weniger glücklichen gestellten Mitglieder der Gesellschaft, oder sogar die abgründigen Personen des Stadtlebens vorstellt, ohne diese aber letztlich zu verurteilen. Vielmehr versucht er zu erklären, dass der Unwille der Wohlhabenden, ihren Wohlstand zu teilen, für das Elend auf den Straßen mitverantwortlich ist. Die Erkenntnis trifft Hauptfigur Scrooge dabei erstaunlich schnell, an sich hat er schon nach dem Besuch des Geistes der vergangenen Weihnacht den Entschluss gefasst, sein Leben zu ändern. Die anderen beiden Gespenster akzeptiert er fortan mit Betroffenheit. Aber auch wenn er dadurch begreift, dass er in der Verpflichtung steht, sich um diejenigen Menschen um ihn herum zu kümmern, die nicht so viel Glück hatten, wie er selbst, bleibt eine überraschende Erkenntnis doch außen vor. Hier ändern viele bekannte Adaptionen die Geschichte meist ab und zeigen stattdessen, wie Scrooge nach dem ersten Geisterbesuch wieder in sein altes Schema zurückfällt und es in der Tat alle drei Geister braucht, um ihn auf einen rechten Weg zu bringen.

Die Beschreibung der verschiedenen Weihnachtsgespenster ist dabei sehr fantasievoll gehalten, und auch wenn sich hier und da religiöse Anleihen offenbaren, dadurch dass ein nachhaltiger Bezug auf das Christentum fehlt, bleibt die Weihnachtsgeschichte auch für alle Menschen gültig und zugänglich. Wer sich daran macht, Charles Dickens vielleicht bekanntestes Werk im englischen Original lesen zu wollen – selbst damals hatte der Autor mit nicht autorisierten Nachdrucken zu kämpfen und finanzielle Einbußen hinnehmen müssen –, inzwischen ist das Buch kostenfrei verfügbar und im Internet zugänglich. Allerdings besitzt die Originalausgabe ihre Hürden. Von einem älteren Wortschatz einmal abgesehen, birgt auch die Grammatik ihre Stolpersteine, so dass man viele Passagen mehrmals lesen muss, um ihre Bedeutung aus heutiger Sicht auch zu verstehen. Ebenfalls erhältlich sind Ausgaben mit schön gestalteten Illustrationen, die bei der Erstveröffentlichung am 19. Dezember 1843 von Karikaturist John Leech stammten.
An der Aussagekraft und dem Zauber der Erzählung hat sich auch in all der Zeit nichts geändert. Dass sich die besser gestellten um diejenigen kümmern sollten, denen es nicht so gut ergangen ist, ist das Prinzip einer jeden sozial engagierten Gesellschaft. Dass die Feiertage außerdem nichts als Stressoren herangezogen werden sollten, sondern es den Menschen ermöglichen sollten zueinander zu finden, und sich zu besinnen, hat auch heute nicht an Bedeutung verloren. Die Erkenntnis trifft Ebenezer Scrooge vielleicht etwas schnell, und auch der in späteren Erzählungen zum Running Gag abgewandelte Spruch "Humbug" kommt hier nicht so oft vor, wie man das erwarten würde, doch haftet Dickens Erzählung ein zeitloses Flair an, das sich Jung wie Alt gerade in der vor uns liegenden Jahrszeit einmal mehr zu Herzen nehmen sollten.


Fazit:
Der Griesgram, der seine menschliche Seite wiederentdeckt, ist ein Sinnbild, das gerade in der heutigen Zeit nicht mehr auf ältere Menschen beschränkt ist. Geiz und Habgier scheinen angesichts der gesellschaftlichen Situation alle Altersgruppen zu betreffen. Zum Glück erspart Charles Dickens den Lesern jene Beschreibungen von würdeloser Kinderarbeit oder den völlig verkommenen Weihnachtsbräuchen, die er seinerzeit beobachtete, und die ihn zum Schreiben der Novelle mit ermutigten. Er prangert darin nicht nur die egoistischen Auswüchse des Kapitalismus seiner Zeit an, sondern schuf gleichsam eine zeitlose Aufforderung, dass ein jeder sich seiner sozialen Verantwortung stelle. Während der Feiertage führen sich auch heutzutage viele Menschen Eine Weihnachtsgeschichte in einer ihrer Verkörperungen vor Augen. Spiegeln sich darin nicht zuletzt doch Hoffnungen und Träume einer besseren und gerechteren Gesellschaft wider.
Das mag zwar aus heutiger Sicht sprachlich und stilistisch etwas angestaubt wirken, bleibt gerade deshalb aber universell gültig und seit über 150 Jahren zeitlos. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine fantasievolle und lehrreiche Geschichte geboten, die auch nach so vielen Nacherzählungen und Interpretationen in ihrer ursprünglichen Form genauso be-geistert.


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