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Walter Wager: "58 Minuten Angst" [1987]

Wertung: 3 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. November 2005
Autor: Walter Herman Wager

Genre: Thriller

Originaltitel: 58 minutes
Originalsprache: Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Gebundene Ausgabe
Länge: 260 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1987
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1991
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-02-622520-4


Kurzinhalt:
Es ist drei Tage vor Weihnachten, und an sich ist Polizei-Captain und Anführer der Anti-Terror-Einheit New Yorks, Frank Malone, auf dem Weg zum Flughafen der eingeschneiten Metropole, um seine achtjährige Tochter Kate abzuholen, die mit einem Flug aus Malibu eintreffen soll.
Vom Verantwortlichen des JFK-Flughafens, Pete Wilber, und dem Chef der Flughafenpolizei, Benjamin Hamilton, begrüßt, nimmt Malone die Gelegenheit wahr, die Einrichtung und den Tower des Airports zu kontrollieren, wo er unversehens auf eine alte Bekanntschaft, Annie Green, trifft. Doch die Atmosphäre hält nicht an, denn wenige Momente später meldet sich ein namenloser Terrorist beim Tower und verkündet, dass sämtliche Flugzeuge über dem Flughafen in seiner Gewalt seien und er die elektronischen Kontrollen blockiere. Er fordert die Freilassung von politischen Gefangenen innerhalb weniger Stunden, denn dann werden die ersten Maschinen ohne Treibstoff im Stadtgebiet abstürzen. In der Tat kann der Tower keine Verbindung mehr mit den Fliegern herstellen, und es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – denn der Erpresser, Willi Staub, scheint sämtliche Eventualitäten eingeplant zu haben und kein Interesse daran zu besitzen, überhaupt ein Flugzeug landen zu lassen. Für Malone drängt die Zeit umso mehr, denn wie er später von Annie erfährt, hat das Flugzeug mit seiner Tochter noch Treibstoff für genau 58 Minuten ...


Kritik:
Zu behaupten, Walter Wager wäre einer der bekanntesten Autoren seiner Zeit gewesen, wäre sicherlich übertrieben – und doch ist er vielen Zuschauern unterbewusst ein Begriff, lieferte er doch die Vorlage für bekannte Filme wie Das Ultimatum [1977] (mit seinem Roman Rothaut in Viper 3 [1971]), Telefon [1977] (nach dem gleichnamigen Roman von 1975) und Stirb langsam 2 – Die Harder [1990] (mit 58 Minuten Angst).
1924 als Sohn von russischen Immigranten in der Bronx geboren, machte er 1944 seinen Abschluss am Columbia College und promovierte Jura in Harvard. Sein Interesse führte ihn zur Luftfahrt, wo er in den frühen 50er Jahren als ein Berater der Lufthoheit Israels tätig war. Es folgte eine Tätigkeit bei den Vereinten Nationen als Editor, die sein Interesse an der Literatur weckte. Mitte der 1950er veröffentlichte er seinen ersten Roman Death Hits the Jackpot [1954], es sollten über zwei Dutzend weitere folgen. Auch wenn ihm nie der große Durchbruch gelang – sein von Kritikern durchweg gut aufgenommener Satire-Roman My Side by King Kong [1976] stellte mit einen seiner größten Erfolg dar – war er bei Mystery- und Thrillerfans beliebt, erschien bei vielen Buchsignierungen und Vorlesungen und verblüffte mit einem großartigen Sinn für Humor. Sein letzter Roman, Kelly's People [2002] ist bislang nicht auf deutsch erschienen, und auch seine älteren Werke sind meist nur als Restbestände zu finden. Walter Wager verstarb 2004 an einem Gehirntumor, wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag.

Dass die Story seines Romans 58 Minuten Angst durchaus Potential für einen spannenden Thriller bietet, hat man auch in Hollywood erkannt und ließ den Roman von zwei Autoren umarbeiten, in der Absicht, ihn als würdige und vor allem andersartige Fortsetzung des Überraschungs-Thrillers Stirb langsam [1988] zu präsentieren. Interessant ist hierbei, dass auch Stirb langsam auf einem Roman basiert, den Autor Roderick Thorpe bereits 1979 verfasste. Doch während von Thorpes Vorlage relativ viel in der Adaption erhalten blieb, finden sich von Wagers Story in der Tat nur wenige Elemente im Film wieder – überraschend ist allerdings, dass dem Film hier viele spannende Momente und unvorhergesehene Handlungswendungen gelingen, die der Roman leider vermissen lässt. Wer also mit dem Wissen um die filmische Umsetzung an den Roman herangeht, wird eher enttäuscht, als angenehm überrascht.
Das merkt man bereits bei der Charakterisierung der einzelnen Figuren, die Wager einerseits sehr stereotyp gelingt, andererseits aber auch an der Stimmung des Romans selbst, dessen größter Pluspunkt die kurze Lesedauer und das überzeugende Gefühl des eingeschneiten New Yorks ist. Denn auch wenn der Plan von Willi Staub auf den ersten Blick (wie es im Roman immer wieder heißt) "perfekt" und ausgeklügelt erscheinen mag, ist er im Endeffekt doch simpel und geradlinig. Die Art und Weise, wie der Tower die Kontrolle über die Flugzeuge verliert, ist nicht nur schnell erzählt, sondern hat im weiteren Verlauf auch keine weiterreichenden Auswirkungen. Gleichzeitig schneidet der Autor aber immer wieder Momente verschiedenster Figuren in den unterschiedlichen Flugzeugen an, die im Endeffekt aber entweder nur wenig interessant, beziehungsweise nur wenig wichtig sind. Überraschend und enttäuschend ist hierbei vor allem, dass das Gefühl der Panik innerhalb der Maschinen, und sei es nur bei den Piloten, kaum erwähnt wird. Auch wie sich die Ungewissheit der Wartenden im Terminal in einer Massenpanik entlädt fehlt im Buch vollkommen und wird kaum beachtet.
Hier verschenkt der mit 260 Seiten sehr kurze Roman wertvolle und wichtige Möglichkeiten, ein durchgehendes und kohärentes Gefühl für die Situation in jenen kritischen Stunden zu vermitteln. Auch von den Vorbereitungen der Terroristen wird kaum etwas erwähnt und die Handlungen von Frank Malone beschränken sich letztlich auf wenige Aktionen, die alle nicht nur genau so ausgehen, wie es sich der Held wünscht, sondern auch sehr schnell vorbei sind. Zu keiner Situation muss wirklich improvisiert werden, die Figuren scheinen – das beschreibt der Autor auch ausführlich – stets die Kontrolle zu haben und Herr der Lage zu sein. Dass man hier weit weniger mitfiebern kann, als mit Charakteren, die sich sekündlich neu entscheiden müssen und nach bestem Wissen und Gewissen bemüht sind, die Situation zu retten, ist verständlich. Was hier möglich ist, bewiesen die Drehbuchautoren bei Stirb langsam 2, denen es gelang, die Geschichte nicht nur flotter, sondern auch mit weit mehr Tiefgang und Charakterentwicklung, vor allem aber mit immens spannenden Szenen zu erzählen.

So verwundert es nicht, dass auch die Dramaturgie bei 58 Minuten Angst nicht so recht in Fahrt kommen mag. Zwar gibt es immer wieder flott erzählte Situationen – alles in allem steigert sich die Spannung aber selten und bevorzugt beim Finale, das aber nicht durch die Aktionen Frank Malones mitzureißen vermag, sondern auf Grund der Schicksale der unzähligen Fluggäste in den blindfliegenden Flugzeugen über der Stadt. Die Szenenwechsel sind dabei aber recht gut gelungen, zumal Wager bei einer zusammenhängenden Sequenz, wie einer Erstürmung eines Sitzes der Terroristen, nicht unnötig den Schauplatz wechselt, sondern trotz der Kapitelunterteilung beim Geschehen bleibt.
Das Finale selbst ist dabei erstaunlich kurz geraten und lässt auch ein wenig den persönlichen Zweikampf vermissen, den das zuvor angekündigte und immer wieder angedeutete intellektuelle Duell der beiden Protagonisten erahnen ließ. Dass Wager seinem Roman allerdings einen recht ausführlichen Epilog spendiert, ist erfreulich und präsentiert einen gekonnten Abschluss für den geradlinig erzählten Thriller.

Dass Frauen in einer solchen Art Roman (oder Film) meist unterrepräsentiert sind, scheint wohl ein Klischee; was der Autor seinen Lesern allerdings in Sachen Figuren zumutet, ist weit mehr als kitschig – wenn zum zigsten Mal erzählt wird, dass der Pilot, der Polizist, der FBI-Agent oder der Terrorist keine Angst kennt, er bis zur letzten Sekunde für seine Sache kämpfen würde, scheint das schlicht zu dick aufgetragen und in der Tat scheint der Grad an Machochismus derart übertrieben, dass man stellenweise nur leidlich lächelnd mit den Augen rollen kann.
Es liegt allerdings nicht daran, dass die Charaktere keinen Hintergrund zugeschrieben bekämen, denn genau das Gegenteil ist der Fall. Doch nicht nur, dass sich hier ein Klischee an das andere reiht, auch die Ausführung derselben ist so vorhersehbar, so wenig innovativ, dass einem die Figuren nicht ans Herz wachsen und somit auch nicht wichtig sind.

Sprachlich ist Walter Wagers Werk sehr schwer einzuschätzen. Einerseits überzeugt er mit einer sauberen Wortwahl, die sich stellenweise aber sehr häufig wiederholt und spätestens beim fünften Erwähnen des Ausdrucks "der Mann, der das Töten liebte" auch unangenehm auffällt. So finden sich bestimmte Ausdrücke auf einigen Seiten immer wieder, werden dann für ganze Kapitel fallen gelassen und tauchen anschließend wieder auf.
Kontraproduktiv erscheint auch, dass der Autor viele offene Fragen, deren Beantwortung an sich in einem folgenden Abschnitt geklärt werden müsste, in einem kurzen Satz selbst liefert. So wird unnötig Spannung aus der Situation genommen, die viel zu schnell wieder aufgelöst wird – auch die häufigen Zeilenumbrüche in den Spannungsmomenten erfüllen weit weniger ihren Zweck, als es den Anschein haben mag.
So hinterlässt 58 minutes auch stilistisch einen sehr gemischten Eindruck und scheint unfertig, eine sprachliche Politur hätte dem Roman merklich gut getan.

Mit nur 260 Seiten ist 58 Minuten Angst (zumindest nach heutigen Maßstäben) sehr kurz geraten. Kein Wunder also, dass die groß gedruckten Seiten wie im Flug vergehen. Doch daran sollte man Walter Wagers Buch nicht messen, denn was dem Roman an Tempo zugute kommt, büßt er an Finesse leider wieder ein.
Statt einen komplexen Plot (minutiös) zu erzählen, auf mehreren Ebenen die steigende Panik zu verfolgen und doch glaubhafte Figuren zu präsentieren, ist der Thriller nicht nur viel zu schnell vorbei, betrachtet man die Story im Rückblick, geschieht auch nicht wirklich viel. Die Situationen wiederholen sich dabei zwar nicht, wirken aber auch nicht übermäßig anspruchsvoll, und nicht zuletzt die reißbrettartig gezeichneten Figuren enttäuschen schwer. Damit bleibt die Vorlage zu einem der actionreichsten und spannendsten Thrillerfilme der 1990er Jahre weit hinter den Möglichkeiten zurück, die in anderen Medien genutzt wurden, und pendelt sich lediglich auf einem durchschnittlichen Niveau ein. Schade ist daran, dass, wer diesen Roman als Wagers ersten liest, sich vermutlich auch für keinen weiteren des Autors interessieren wird.


Fazit:
Es ist mit Sicherheit nicht ungewöhnlich, sich für die Romanvorlagen zu bekannten Filmen zu interessieren, und als ich Roderick Thorpes Stirb langsam gelesen hatte, war ich mehr als positiv überrascht, denn auch wenn der Roman zehn Jahre älter war, beinhaltete er doch sehr viele Situationen, die aus der Filmumsetzung bekannt waren, bot aber gleichzeitig neue Einblicke in die Figuren und andere Schlüsselmomente.
Bei 58 Minuten Angst hatte ich etwas Ähnliches erwartet und wurde schwer enttäuscht. Statt vielschichtige Figuren zu bieten und einen komplexen Plot zu erzählen, entpuppt sich Walter Wagers Roman zwar als kurzweilige Thriller-Unterhaltung, doch ohne Tiefgang oder eine ausgearbeitete, verschachtelte Story. Die Charaktere können nicht wirklich überzeugen und scheinen mancherorts beinahe wie Karikaturen. Auch sprachlich vermag der Roman nicht zu begeistern – dafür wiederholen sich manche Ausdrücke zu oft, und auch die Dramaturgie leidet unter dem stellenweise unnötig abgehackten Szenenaufbau.
Für Fans und Kenner der Filmadaption Stirb langsam 2 ist das dennoch interessant, man sollte aber nicht mit der Erwartungshaltung herangehen, dass den Filmemachern eine romangetreue Adaption wichtig war. Inhaltlich wie atmosphärisch hat 58 minutes nur wenig mit dem Actionthriller gemeinsam – wer ohne solche Vorkenntnisse an das Buch herangeht, darf sich allerdings auf einen kurzen, wenn auch schnörkellosen Thriller einstellen, der zwar manche Schwächen besitzt, aber immer noch besser unterhält, als manch anderer.


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