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We Need to Talk About Kevin [2011]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 17. März 2013
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: We Need to Talk About Kevin
Laufzeit: 112 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2010
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Lynne Ramsay
Musik: Jonny Greenwood
Darsteller: Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller, Jasper Newell, Rock Duer, Ashley Gerasimovich, Siobhan Fallon, Alex Manette, Kenneth Franklin, Leslie Lyles


Kurzinhalt:
Bereits während ihrer Schwangerschaft fühlt sich Eva Khatchadourian (Tilda Swinton) nicht wie viele Mütter, die sich auf ihre Kinder freuen. Nachdem Kevin (Jasper Newell) geboren ist, verbringt sie die meiste Zeit mit ihm zuhause. Ihr Mann Franklin (John C. Reilly) ist oft in der Arbeit. Doch auch die viele Zeit bringt Eva ihrem Kind nicht näher. Vielmehr reagiert Kevin von sich aus ablehnend und kalt.
Als Celia (Ashley Gerasimovich) geboren wird, scheint sich die Beziehung zwischen Eva und Kevin etwas zu bessern. Doch die einzige Tätigkeit, bei der Kevin als Teenager (Ezra Miller) Freude empfindet, ist das Bogenschießen. Weder Franklin, noch Eva erkennen dabei, auf welches Unglück die Familie zusteuert ...


Kritik:
Die Regisseurin Lynne Ramsay erzählt das Thrillerdrama We Need to Talk About Kevin wie einen auf Film gebannten, fiebrigen Alptraum und damit vermutlich, wie es sich im Nachhinein für die Protagonistin anfühlen muss. Entweder sind die Farben zu stark oder ausgewaschen, der Fokus verliert sich permanent, als wäre es schwierig, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und wie wir in unserer Vorstellung Verbindungen zwischen Erinnerungen herstellen, springt die Erzählung zwischen drei Zeitebenen hin und her. Das ist einerseits beeindruckend, aber auch anstrengend, so dass man nach den zwei Stunden ebenso ausgebrannt ist, wie Eva Khatchadourian bereits in den ersten Einstellungen auftritt.

Der Film basiert auf dem preisgekrönten Roman Wir müssen über Kevin reden [2003] der Autorin Lionel Shriver und handelt von Eva, die sich an eine Zeit erinnert, als sie glücklich war. Damals traf sie ihren Mann Franklin und bereits während ihrer ersten Schwangerschaft fühlt sie sich nicht so euphorisch wie viele andere werdende Mütter um sie herum. Als ihr Sohn geboren ist, wird für sie schnell deutlich, was sich kein werdender Elternteil vorstellen mag: Kevin scheint seine Mutter zu hassen. So normal er sich seinem Vater gegenüber gibt, so abweisend ist er zu ihr und scheint sie regelrecht herauszufordern mit seiner ablehnenden Haltung. Was sich dann entwickelt muss zwangsläufig auf eine Katastrophe hinauslaufen, auch wenn wir in dem Moment noch nicht ahnen, welches Ausmaß sie annehmen wird.
So beunruhigend die Stimmung und die scheinbar zerfahrene Zusammenstellung der Ereignisse zu Beginn von We Need to Talk About Kevin auch sein mögen, so Furcht einflößend ist die Ausstrahlung des jungen Kevin, sei er 6, 8 oder 15 Jahre alt. Wer der Meinung ist, Kinder wären ein Spiegelbild der Unschuld wird hier eines besseren belehrt. So harmlos und typisch für Kinder für sich genommen seine Handlungen sein mögen, hinter ihnen verbirgt sich eine subtile Methodik, deren undurchschaubare Hoffnungslosigkeit sich im letzten Dialog des Films treffend wiederfindet.

Die unterkühlte Ausstrahlung Tilda Swintons wandelt sich in der aktuellen Zeitebene durch ihr ausgemergeltes Auftreten so sehr, als wäre sie nur eine Hülle ihrer selbst. Ihre Darbietung ist ebenso packend wie zermürbend. Demgegenüber glänzt der vielschichtige John C. Reilly in einer Rolle, die für Hoffnung und Optimismus in einem Haus stehen soll, in dem die Familienangehörigen beinahe schon Angst voreinander haben. Regisseurin Ramsay verlässt sich auf ihren hervorragenden Cast, in dem der fesselnde Ezra Miller ebenso hervorsticht wie die Kinderdarsteller, während sie die Ereignisse, die Eva zu der Person werden ließen, die sie ist, immer klarer abzeichnet. Dabei lässt sie Vieles unausgesprochen und lediglich angedeutet, was die Wirkung jedoch nur verstärkt. We Need to Talk About Kevin ist ein Film, den Eltern junger oder jugendlicher Kinder ebenso meiden sollten wie Schwangere Rosemaries Baby [1968].
Wer sich auf das aufwühlende Drama einlässt, wird sich mit dem Thema beschäftigen, ob man möchte oder nicht. Ob diese Konfrontation zu einem anderen Ergebnis führt, als dass es Menschen gibt, die unabhängig von ihrem Alter böse sind, sei dahingestellt. Immerhin deutet der Film auch an, welche Einstellung Eva gegenüber ihrem Sohn bereits während der Schwangerschaft hatte und stellt es zur Diskussion, ob auch das Einfluss auf Kevins Entwicklung hatte.

Unterbewusst hoffen wir vermutlich auch bei einem Alptraum, irgendwann aufzuwachen. Wie muss es sich für Eva anfühlen, nach allem, was sie durchgemacht hat festzustellen, dass sie sich dem Grauen jeden Tag aufs Neue stellen muss? We Need to Talk About Kevin schildert den Weg dahin und danach, vermischt in einem Wirrwarr, den unser Verstand daraus macht. Das ist beeindruckend erzählt, aber nur schwer zu verarbeiten.


Fazit:
Beim Aufwachen ist man mitunter einige Sekunden nicht ganz sicher, ob man noch träumt, oder schon in der normalen Welt angekommen ist. Dies gilt sowohl für die ersten Minuten von Lynne Ramsays We Need to Talk About Kevin, wie auch für einen Großteil des ungewöhnlich zusammengestellten Dramas. Die Filmemacherin macht uns durch die Optik stellenweise ebenso orientierungslos wie die Protagonistin, aus deren Sicht der Film geschildert ist.
Tilda Swintons Darbietung ist eine zermürbende Tour de Force, die uns ebenso fordert. Worauf das Gezeigte hinauslaufen wird, lässt sich zwar nach einiger Zeit bereits erahnen, doch die Entstehung jener Tragödie zu begleiten, lässt einen als Zuseher ebenso verzweifeln wie Hauptfigur Eva. Für ein anspruchsvolles Publikum ist We Need to Talk About Kevin sehr sehenswert, aber ebenso niederschmetternd wie bedeutsam.


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