Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene [2007]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 09. August 2009
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: Breach
Laufzeit: 110 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Billy Ray
Musik: Mychael Danna
Darsteller: Chris Cooper, Ryan Phillippe, Laura Linney, Caroline Dhavernas, Gary Cole, Dennis Haysbert, Kathleen Quinlan, Bruce Davison, Jonathan Watton, Tom Barnett, Jonathan Potts, David Huband


Kurzinhalt:
Eric O'Neill (Ryan Phillippe) arbeitet beim FBI, ist aber noch kein Agent. Die Chance, auf der Karriereleiter nach oben zu springen, wittert er, als ihn Kate Burroughs (Laura Linney) für einen heiklen Auftrag rekrutiert. Er soll Robert Hanssen (Chris Cooper), einen verdienten FBI-Agenten überwachen, dessen sexuelle Gewohnheiten die Behörde in einem schlechten Licht dastehen lassen könnten. Darum wird er als Hanssens Assistent eingesetzt.
Nachdem der streng gläubige und kantige Hanssen nach einem unsanften Beginn Gefallen an O'Neill gefunden hat und dieser den alternden FBI-Agenten zu respektieren lernt, erfährt er von Burroughs die wahren Hintergründe seines Auftrags. Und diese Offenbarung erschüttert nicht nur sein Bild von Hanssen, sondern die damit einhergehende Geheimhaltung gefährdet auch seine Ehe mit Juliana (Caroline Dhavernas), welcher der aufdringliche Hanssen ohnehin suspekt ist ...


Kritik:
Worüber man sich im Klaren sein sollte, wenn man Enttarnt ansieht ist, dass der Film kein Thriller ist und auch nie den Anspruch erhebt, einer zu sein. Wäre es nicht um die Natur der Geschichte selbst, müsste man das "Thriller" gar aus der Genreangabe streichen. Stattdessen konzentriert sich Regisseur Billy Ray, dessen sehenswerte, erste Regiearbeit Shattered Glass [2003] hierzulande nach wie vor keinen Verleih gefunden hat, auf die Figuren seiner auf Tatsachen basierenden Geschichte und zeichnet eine Charakterstudie, die durchaus ihren Reiz besitzt.
So wird der erfahrene und durch seine zahlreichen Verdienste berühmte FBI-Agent Robert Hanssen vorgestellt, der grantig und desillusioniert kurz vor seiner Pension einen Schreibtischjob annimmt und seinen alten Tagen als Experte im Kalten Krieg abschwört. Einer streng gläubigen Sekte angehörend, zählt für ihn augenscheinlich das Wort in der Bibel mehr als irgendein anderes Gesetzbuch und an seinem Patriotismus lässt der konservative Hanssen nicht rütteln. Das macht ihn zwar vom ersten Moment an nicht wirklich sympathisch, doch kann man nachvollziehen, dass er nach über 20 Jahren als international versierter Agent seine Lektionen gelernt hat. Wie der aufstrebende FBI-Mitarbeiter Eric O'Neill, dessen größter Wunsch es ist, als Agent in der Behörde beschäftigt zu werden, steht man dem Fossil Hanssen gegenüber und vermag die Kritikpunkte von Kate Burroughs nicht recht nachvollziehen können, die behauptet Hanssen hätte Dreck am Stecken und könnte das FBI schlecht aussehen lassen, wenn man ihn enttarnt. Diesen ersten Eindruck zu demontieren, O'Neill mit dem Zuseher zusammen hinter die Fassade Hanssens blicken zu lassen, gelingt Regisseur Ray sehr gut. Er zerpflückt die offenkundige Bibeltreue als Heuchelei vor dem eigenen Gewissen, entblättert die frommen Lebensweisheiten als selbst gezimmertes Kartenhaus des alternden Agenten, der so seine eigenen Geheimnisse übertünchen will.

Nur was Hanssen zu seinen Entscheidungen in der Vergangenheit motivierte, wie er von einem vielleicht ursprünglich tugendhaften Pfad abkommen konnte und sich selbst so lange eine moralische Grundlage für seine Handlungen einredete, dass er sie selbst glaubte, dafür liefert Enttarnt leider keine Erklärungen. Insofern stellt er den Agenten als diejenige Person vor, wie O'Neill sie kennen lernte, zeigt die Ikone aus der Sicht des Aspiranten, ohne jedoch den Werdegang Hanssens genügend Raum beizumessen. Dass die Erzählung dennoch funktioniert liegt vor allem an einem außerordentlich motivierten Chris Cooper, der bis hin zur steinernen Mine des alten Agenten, ein lebensnahes Bild zeichnet, das dank des befremdlich blassen Make-ups einen beinahe schon surrealen Touch beinhaltet. Gegen jene beinahe schon erdrückende Autorität enttäuscht Ryan Phillippes Darstellung ein wenig, der sich zwar redlich müht, dessen O'Neill allerdings trotz einiger kleiner Charaktermomente kein wirklicher Hintergrund zugeschrieben wird. So würde man gerne mehr über seine Ehe erfahren, oder etwas über seine Familie, die mit Ausnahme eines Kurzauftritts von Bruce Davison als sein Vater, kaum ein Wort verloren wird. Auch welche Ziele er beim FBI verfolgt, wird nicht klar. Hier verschenkt das Drehbuch sehr viel Potential das man auch angesichts der Laufzeit hätte ausschöpfen können.
Auch wenn O'Neills Beschattung von Hanssen ein paar spannende Momente besitzt, die Hintergründe aufzudecken, Recherchen anzustellen oder Geheimnisse zu entlüften, fällt alles nicht dem jungen FBI-Mitarbeiter zu. Er soll zwar Augen und Ohren seiner Vorgesetzten sein, den Tag des scheidenden Agenten protokollieren, doch am eigentlichen Geschehen nimmt er selten Teil. Mag sein, dass die Filmemacher sich hierfür auf Grund der Authentizität entschieden haben, doch hätte eine stärkere Gewichtung des Thrilleraspekts dem Charakterdrama gut getan. So entwickelt sich die Geschichte konstant, ohne aber an Fahrt wirklich zuzulegen.

Eine ganze Reihe von bekannten und renommierten Darstellern sind in Enttarnt in Nebenrollen zu sehen. Sei es Laura Linney, die ihre Sache wirklich gut macht, oder Dennis Haysbert, der auch hier ein Charisma in seine Rolle mitbringt, das man dem kleinen Auftritt gar nicht zumuten würde. Gary Cole und Kathleen Quinlan spielen gewohnt routiniert und auch die junge Kanadierin Caroline Dhavernas überzeugt, auch wenn an ihrer Stelle eine junge deutsche Schauspielerin glaubwürdiger für die Rolle gewesen wäre. Breach, so der passende Originaltitel, ist auch ordentlich gefilmt und in ebenso stimmige, ausgewaschene Bilder gekleidet. Und wer sich auf ein Charakterdrama einlässt, wird auch nicht enttäuscht werden. Packender und temporeicher gibt sich der jüngst erschienene Traitor [2008], dem jedoch solche subtilen Momente mit den Figuren fehlen, wie Billy Ray sie hier einbaut.


Fazit:
Was mit Robert Hanssen geschieht, erfährt man, noch bevor der Film richtig losgeht. Insofern sollte es also interessieren, wie es denn soweit kommt – nur dafür hätte das Drehbuch deutlich spannender gestaltet werden müssen und Enttarnt grundlegend auch als Thriller angelegt werden sollen. Stattdessen konzentriert sich Regisseur Billy Ray darauf, Hanssen durch die Augen eines jungen FBI-Sprösslings vorzustellen und die unnahbare, gottesfürchtige Fassade zu demontieren. Den Charakter zu entdecken, der dahinter liegt, macht auch den eigentlichen Reiz des Films aus. Nur würde man sich hier auch einen ausführlicheren Werdegang Hanssens wünschen.
Makellos gefilmt und mitunter sehr gut gespielt, richtet sich Breach an ein ruhiges Publikum und schildert die Aufdeckung eines der größten internen Sicherheitslecks beim FBI aller Zeiten. Ob man das allerdings auf diese Art und Weise hätte erzählen müssen, sei dahingestellt.