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Autor: Akif Pirinçci Genre: Krimi Originalsprache: Deutsch Gelesen in: Deutsch Ausgabe: Taschenbuch Länge: 318 Seiten Erstveröffentlichungsland: Deutschland Erstveröffentlichungsjahr: 1993 ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 3-442-13110-3 Kurzinhalt: Seit Francis sein erstes Detektivabenteuer im neuen Revier bestritt, ist einige Zeit vergangen, doch gerade als sich der selbstgefällige Kater seiner friedlichen Tage erfreut, steht mit der neuen Lebensgefährtin seines Dosenöffners Gustav – Francesca heißt das Wesen – auch ein großes Problem ins Haus. Als Francis erfährt, was die beiden miteinander aushecken, ergreift er schleunigst die Flucht. Diese allerdings führt ihn durch unglückliche Umstände geradewegs in die Kanalisation, wo er auf das "Volk der Barmherzigen" trifft, eine große Gruppe Katzen, das ausgestoßene und ausgesetzte Artgenossen aufnimmt und ihnen ein Leben unter der Erde, aber in Würde, ermöglicht. Allerdings werden seine Kreise seit einiger Zeit von einem Schrecken heimgesucht und als Francis eine enthauptete Katze entdeckt, ahnt er, welches Grauen unter den Kanalbewohnern wütet. So macht er sich auf die Suche nach dem Mörder, trifft dabei auf einen Stamm Wildkatzen, und auf den Eremiten Ambrosius, der mehr über die Vorgänge zu wissen scheint, als er zugibt. Und ehe er sich versieht, steht der neunmalkluge Kater selbst auf dem Speiseplan des furchteinflößenden Schlächters ... Kritik: Nach dem Erfolg seines ersten Katzen-Romans Felidae [1989] dauerte es vier Jahre, bis Akif Pirinçci einen Nachfolger veröffentlichte – und prompt wieder einen Hit landete, obgleich dieser außerhalb des deutschsprachigen Raumes nicht ganz so groß war. Dabei verbirgt sich hinter Francis ansich ein noch vertrackterer Krimi, der zwar mit noch mehr Floskeln versehen ist, aber unter dem Strich eine bewegendere Geschichte aufweist und mit zahlreicheren Charaktermomenten zu glänzen vermag. Inhaltlich verschwendet der Autor keine Zeit und versetzt den Leser in wenigen Zeilen wieder in die Haut des Protagonisten, der einmal mehr selbst aus der Ich-Perspektive erzählt und das soziale Zusammenlebens der Menschen um ihn herum mit der gewohnten Süffisanz beobachtet und gleichermaßen verurteilt. Wie viel Zeit seit den Geschehnissen des ersten Romans genau vergangen ist, wird nicht explizit gesagt, aber in den "paar Jahren" scheint nicht wirklich viel geschehen zu sein; zumindest nichts, was Detektiv Francis beunruhigen würde. Insbesondere am Anfang wirkt die Verächtlichkeit, die der Hauptcharakter seinen menschlichen Mitbewohnern entgegenbringt, größer denn je. Für den Leser ist das ganz amüsant zu lesen, immerhin versteht es Pirinçci, mit wohl überlegter Wortwahl die offene Arroganz von Francis, die er schon im ersten Roman zur Schau stellte, passend auszudrücken. Im Laufe des Romans ändert sich Francis' Einstellung glücklicherweise, und das ist ja durchaus beabsichtigt. Dennoch scheint der Aufbau der ersten zwanzig Seiten mit den sich stets ähnelnden, aufgeplusterten und gekünstelt philosophischen Behauptungen des Katers, die oft anhand von Beispielen erläutert werden – die darüber hinaus alle nach demselben Schema aufgebaut sind – zu gestellt und erzwungen; man hat bisweilen das Gefühl, der Autor wolle hier lediglich Seiten füllen, oder musste sich erst "warm schreiben". Sobald Francis nämlich in die Kanalisation gelangt, ändert sich das Bild und dank Pirinçcis detaillierten Ortsbeschreibungen, seiner fast schon akribischen Schilderung bestimmter Details erwacht die fremde Umgebung, die Francis mit eben dieser äußerst genauen Beobachtungsgabe unter die Lupe nimmt, im Kopf des Lesers zum Leben. Hier spielt der Autor sein Können aus und entfaltet in kürzester Zeit eine mystische, bisweilen auch recht fantasievolle Geschichte, die durch ihre Verzwicktheit ebenso an Dynamik gewinnt, wie durch die zahlreichen Hintergrundinformationen, die einem wieder mit auf den Weg gegeben werden. Dabei verstecken sich in den Anhängen neben Informationen zum Paarungsverhalten der kleinen Raubkatzen auch viele Erläuterungen zu ihrer Anatomie, darunter eine sehr interessante Anmerkung zu ihrem Sehvermögen, das Katzen-Freunden Vieles erklärt (wenn sie selbiges nicht schon in Fachbüchern nachgelesen haben). Zwar machen einige Elemente der Grundgeschichte im ersten Moment einen gar zu fantastischen Eindruck, als dass sie sich wie im ersten Roman mehr oder weniger sinnvoll auflösen ließen, aber die falschen Fährten, die Pirinçci hier gelegt hat, tun ihre Wirkung und führen den Leser auf neue mögliche Erklärungen, nur um ihnen wenig später den Wind aus den Segeln zu nehmen. Gelingt ihm dieses Fintenlegen im Grunde genommen sehr gut, häufen sich etwa 50 Seiten vor Schluss die Hinweise auf den wahren Ausgang der Geschichte und so hat der Leser des Rätsels Lösung schon vor Augen, bevor Francis letztendlich mit der Nase geradezu darauf gestoßen wird. Hier hätte man sich gewünscht, dass der Roman besonders in Bezug auf den allzu ausschweifenden Epilog etwas gekürzt würde, oder aber die eigentlichen Auflösungen erst später eingestreut werden, damit die Spannung länger aufrecht erhalten bleibt, was Pirinçci allerdings mit einer Storywendung doch noch gelingt. Trotzdem wirkt hier Potential ungenutzt. Das Finale selbst ist stimmig und nicht übertrieben aufgesetzt, vor allem entpuppt sich gerade hier der wahre Kern des Romans, der inhaltlich mit einem ähnlich gelagerten Thema wie der erste aufwartet, aber trotzdem noch weitaus düsterere Aspekte anspricht und ihnen infolge ihrer unumstößlichen Richtigkeit ein bleiernes Gewicht verleiht, das dem Leser durchaus zu schaffen macht, wenn er sich darauf einlässt. Dabei verurteilt Pirinçci gar nicht so sehr, wie man erwarten würde, weil seiner Meinung nach letztendlich die Menschheit als Ganzes am Aussterben der Wälder und ihren Bewohnern die Schuld trägt. Dass unsere übereilten, tagträumerischen Versuche, mittels Auswilderungen die Wälder mit ihren ehemals einheimischen Tieren neu zu bevölkern, meist in einem noch viel katastrophaleren Rückschlag enden, dokumentieren viele Projekte, die es eben nicht in die 20-Uhr-Nachrichten schaffen. Das zweite Thema, das Pirinçci anspricht, macht in erster Linie den Tierheimen nach (oder vor) den Weihnachtsfeiertagen zu schaffen, wenn zahlreiche "Beschenkte" ihre neuen Haustiere nicht mehr haben wollen – und doch, so lehrt Francis, haben diejenigen, die abgegeben werden, meist noch Glück, denn andere werden im wahrsten Sinne des Wortes von ihren Besitzern weggeworfen. Man muss kein Tierfreund sein, um ein solches Verhalten unverantwortlich und abstoßend zu finden. Mit dem "Volk der Barmherzigen" und ihren Schilderungen versetzt er der anfangs recht unbeschwerten Atmosphäre des Buches einen starken Dämpfer und lenkt damit die Aufmerksamkeit des Lesers weg von Banalitäten und Francis' Wehwehchen hin auf etwas, das eigentlich alle angehen sollte. Schon deshalb gibt sich Francis vielschichtiger und facettenreicher als sein Vorgänger – weswegen Pirinçci allerdings gerade diese Stimmung im Epilog mit der wirklich hanebüchenen Erklärung um Francescas Zukunft im Gustav-Anwesen wieder verscheucht, ist nicht nachvollziehbar. Erfreulich ist am zweiten Felidae-Roman hingegen, dass Hauptcharakter Francis eine sichtbare und reinigende Wandlung durchmachen darf, vom verzogenen Vorstadtkater zu einem von den Erlebnissen gezeichneten und ansich schon bekehrten Zeitgenossen. Wer sich als Leser davon mitreißen lässt, wird ebenso verwandelt – im selben Maße subtil wie progressiv, und blättert man am Ende des Buches wieder zurück an den Beginn und liest Francis' erste Worte erneut, erkennt man ihn kaum wieder. Die anderen Figuren verändern sich während der kurzen Zeit, in der der Roman spielt, zwar nicht merklich, besitzen jedoch allesamt einen vielschichtigen und bisweilen zuerst undurchschaubaren Hintergrund, der ungewohnt aber dennoch natürlich wirkt. Ihre Seele entspringt ihrem Naturell und ist doch demselben entfremdet, eine Ambivalenz, die Pirinçci durch die zahlreichen Entscheidungen, die die Charaktere treffen müssen und schon getroffen haben, sehr gut herausarbeitet. Auch hier beweist der Autor, dass er wirklich Talent besitzt und dieses einzusetzen vermag. Unterhaltsam und spannend ist Francis von der ersten bis zur letzten Seite, obgleich sich die Motivation des Lesers, weswegen man Francis' Erlebnissen weiter folgen möchte, nach dem ersten Kapitel grundlegend ändert. Was aber manche Leser durchaus abschrecken könnte sind die immens langen Kapitel, wenn auch inhaltlich an der Kapitelsetzung durchschnittlich alle 38 Seiten nichts einzuwenden ist. Angesichts des relativ moderaten Umfangs des Romans wären kürzere Abschnitte hier sicherlich machbar und ratsam gewesen. Diejenigen, die wie die meisten Menschen nur in den kurzen Ruhepausen des hektischen Alltags zum Lesen kommen, werden sicher immer wieder mit dem Problem konfrontiert finden, den Anschluss zu finden, wenn man beim letzten Mal mitten im Text aufhören musste – richtige Absätze mit Leerzeilen lassen sich nämlich ebenfalls an einer Hand zählen. Inwiefern das die Lesbarkeit einschränkt, muss jeder für sich entscheiden, selbst bei Felidae waren die Kapitel recht lang, mit insgesamt elf Stück bei weniger Seiten aber trotzdem handlicher. Dass der Roman prinzipiell nicht für Kinder geeignet ist, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass die vermeintlichen Kuscheltiger erneut alles andere als putzig sind, obwohl Katzen-Liebhaber an vertrauten Gesten und Verhaltensweisen immer wieder erkennen, dass der Autor sich intensiv mit den Samtpfoten beschäftigt haben muss. Abgesehen von der schieren Anzahl der Leichen ist auch die Art, wie die Tötung selbst und die leblosen Körper der Opfer beschrieben werden, nicht unbedingt für junge Leser geeignet. Jugendliche werden sich zudem vermutlich mit dem recht fordernden Stil schwer tun, immerhin zieht Pirinçci sprachlich alle Register und überrascht mit philosophischen und ausschweifenden Umschreibungen – von Schopenhauer-Zitaten ganz zu schweigen. All dies sollte den geneigten (erwachsenen) Leser aber nicht von der Lektüre abhalten, denn neben einem recht anspruchsvollen Buch erwartet einen hier vor allem sehr gute und nachdenklich stimmende Unterhaltung, die mit noch mehr Melancholie und Düsternis erzählt wird, als Felidae vier Jahre zuvor. Die verschlungene Geschichte und die innere Wandlung, die Francis durchmachen muss, tragen zusammen mit den unzähligen Beschreibungen und den gekonnt eingeführten Wendungen viel zur Atmosphäre des Romans bei. Fazit: Als hätte er sich die damalige Kritik seiner Leser zu Herzen genommen, liefert der Autor mit seinem zweiten Werk im Katzenuniversum einen überzeugenden, einfallsreichen und in seinen Aussagen sehr wichtigen Roman ab, der seinen Vorgänger noch übertrifft. Zwar sind noch nicht alle Stolpersteine ausgeräumt, die Pirinçcis ersten Roman bei mir schon Punkte gekostet haben, aber mit Francis zeigt er eindrucksvoll, wozu die Reihe um den detektivischen Kater wirklich in der Lage ist. Hoffentlich schöpft er in den bisher erschienenen zwei weiteren Fortsetzungen das Potential vollends aus. Hier jedoch freut man sich über einen ebenso gelungenen, wie empfehlenswerten Roman, der durch seine vielschichtige Thematik und die interessanten Charaktere an Tiefe gewinnt und mit der stets spannenden Geschichte den Leser zum Umblättern animiert. Wertung: ![]() (5 von 6 Punkten) JA Treffpunkt: Kritik wird unterstützt von der TEUFEL LAUTSPRECHER GmbH – für den perfekten Heimkino-Sound! |
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