Akif Pirinçci: "Felidae" [1989]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 21. August 2004
Autor: Akif Pirinçci

Genre: Krimi

Originalsprache: Deutsch
Gelesen in: Deutsch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 288 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Deutschland
Erstveröffentlichungsjahr: 1989
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 3-442-13110-3


Kurzinhalt:
Der neunmalkluge Kater Francis zieht mit seinem "Dosenöffner" Gustav in ein heruntergekommenes Haus ein – und damit fangen die Schwierigkeiten auch schon an. Denn obwohl Francis sich erst in das neue Revier einleben muss, wird er kurz nach seiner Ankunft mit einer Mordserie an Artgenossen konfrontiert, die allesamt von einer anderen Katze umgebracht wurden.
Zusammen mit dem alten Haudegen Blaubart macht sich Francis daran, den Mörder zu entlarven, doch dabei scheint auch sein neues Zuhause selbst eine Rolle zu spielen. Denn neben einer religiösen Sekte, der viele Katzen im Revier verfallen sind, liegt über der Gegend der Schatten eines Verbrechens, das Menschen vor nicht allzu langer Zeit an Katzen begangen haben – und je schneller die Zeit voran schreitet, desto öfter mordet der Killer, der Francis immer einen Schritt voraus ist.


Kritik:
Im Alter von neun Jahren kam der 1959 in Istanbul geborene Autor Akif Pirinçci nach Deutschland. 1980 gelang ihm mit Tränen sind immer das Ende ein Überraschungserfolg, doch erst Felidae, der ganz und gar aus der Ich-Perspektive einer Katze erzählt ist, war 1989 für den Autor der internationale Durchbruch. Bis 1994 war der Roman in 17 Sprachen übersetzt und hatte sich mehrere Millionen Mal verkauft. Der Erfolg ist dabei sowohl der innovativen, wie interessanten Erzählperspektive zuzuschreiben, die den Leser unweigerlich fesselt – ob man nun Katzenfan ist, oder nicht.
Aber während gerade die Ausgangslage wirklich hervorragend einfallsreich geraten ist, hapert die letztendliche Durchführung an manchen unpassend wirkenden Passagen und einer schlicht zu kurz geratenen Story.

Inhaltlich präsentiert sich Felidae mit Hauptfigur Francis als astreiner Krimi, auch wenn die Hauptfigur eher unfreiwillig in die ganze Angelegenheit hineingezogen wird. Seine Verwicklung in den Fall bleibt jedoch nachvollziehbar und so wandelt der rotzfreche Kater bald auf den Spuren, auf denen sich viele Leser gern wähnen würden, stünden sie eines Tages vor einer Leiche und wollten den Mörder auf eigene Faust aufspüren. Die Story entwickelt dann mit der fanatischen Religion um den Artgenossen Claudandus außerdem ein Mystery-Element, das durch die Ausgefeiltheit tatsächlich beeindruckt.
Allerdings ziehen sich die ersten 80 Seiten trotz der anschaulichen Beschreibung der neuen Umgebung von Francis und der verschiedenen Morde eher, als dass sich ein angenehmer Erzählrhythmus einstellen will, wozu vor allem die Alpträume, die Kater Francis plagen, beitragen. Im Verlauf des Buches werden sie immer zahlreicher, und obwohl sie eine unterschwellige Botschaft enthalten, bremsen sie – eben dadurch, dass die Geschichte rückblickend erzählt wird – das Tempo merklich aus und vestören mit ihren zum Teil grotesken Bildern zusehends. Die Bedeutung der meisten Träume, selbst wenn sie Francis erst später offenbar wird, drängt sich dem Leser zudem deutlich schneller auf und nimmt damit manche Storyelemente, wie zum Beispiel die Tierversuche, zu früh vorweg, so dass man von der Auflösung später nicht mehr überrascht sein kann.
Ist ein Drittel des Romanes jedoch geschafft, und der erste ansich interessante Charakter, von dessen Wiederkehr man überzeugt war, auch gestorben, gewinnt Pirinçcis Erzählung deutlich an Rasanz und wird zunehmend komplexer. Die Abgründe der menschlichen Seele, die der Autor anhand der Katzen aufzeigt, sind dabei schauerlich und faszinierend zugleich, und zeichnen diese Fabel als eine der besten ihrer Art aus. Zum Finale hin kostet Pirinçci das "Wer ist der Täter?"-Ratespiel voll aus und bringt den Leser mit zahlreichen Anspielungen und Details von ursprünglichen Vermutungen ab, um ihn letztendlich dann doch noch zu überraschen. Manche Fragen bleiben dennoch unbeantwortet, das ist allerdings kein Kritikpunkt, sondern eine gute Ausgangslage für kommende Bücher.

Während Akif Pirinçci im Hinblick auf den verstümmelten Blaubart das kleine Kunststück gelingt, aus einem anfangs unsympathisch erscheinenden Charakter einen treuen und vielschichtigen Kumpanen von Francis zu schmieden, und auch die anderen Katzen im Revier – darunter sogar der Möchtegern-omni-potente Kong – ein paar wirklich gute Momente zugeschrieben bekommen, bleibt der eigentliche Held Francis selbst eher blass.
Das mag daran liegen, dass die Erzählperspektive keine großartigen Wandlungen zulässt; nimmt man aber Francis' arrogante Einstellung gegenüber den Menschen und sein viel zu groß geratenes Selbstbewusstsein, dann wächst er einem trotz der ruhigen Momente mit der Katzendame Felicitas und seiner melancholischen Stimmung am Ende des Romans nicht richtig ans Herz. Dies ist vom Autor vielleicht durchaus beabsichtigt, beraubt jedoch ansich spannende Szenen, wie den ungleiche Kampf zwischen Francis und drei Artgenossen unnötigerweise an Atmosphäre. Dahingehend hätte man sich als geneigter Leser – trotz der überzeugenden Sichtweise, die man vielen Katzen ohne Weiteres zutraut – einfach einen größeren Sympathieträger als Hauptfigur gewünscht; zumindest einen, der sich im Laufe des Romans auch weiterentwickelt.

Dramaturgisch ist Felidae eine etwas zwiespältige Angelegenheit. Denn obgleich sich der Roman im Ganzen sehr flott liest und nie langweilig wird, wünscht man sich im ersten Drittel leider mehr Zugkraft.
Der größte Schnitt erfolgt mit Francis' Entdeckung eines Tagebuchs, das einem Professor gehörte, welcher in der Gegend Tierversuche durchführte und dabei wahnsinnig wurde. Nicht nur, dass diese 25 Tagebuch-Seiten in der Geschichte am Stück zitiert werden, sie heben sich darüber hinaus stilistisch vollkommen vom Rest des Romans ab. Die Geschehnisse, die die Eintragungen schildern, wirken klischeehaft, und die Verwandlung des ansich integeren Professors kommt viel zu plötzlich. Mehr noch, an diese Passage hängt Pirinçci ein Zwiegespräch an, das Francis mit jenem Wissenschaftler im Geist führt, und macht es dem Leser damit unnötig schwer, wieder in einen richtigen Leserhythmus zu finden. Der ganze Abschnitt, auch wenn er den Hintergrund des Romans sichtlich erhellt, will sich nicht so recht einfügen, und bleibt vor allem dadurch im Gedächtnis, dass er mehr oder weniger schlicht stört.
Die sage und schreibe vier Alpträume, die Francis während der Handlung erlebt, erweisen sich in der Erzählung ebenfalls eher als Fremdkörper; und wenn schlussendlich in einer seitenlangen Auflösung auch diese Träume erklärt werden, offenbaren sich in der Hälfte nur Dinge, die man als Leser schon 200 Seiten zuvor erahnte, oder aber sie wirken wie einem Musterbuch für Traumdeutung entrissen und fast schon platt banal.
Trotz dieser Kritikpunkte überzeugt Felidae mit gutem Aufbau, temporeichem Erzählstil und einigen wirklichen Überraschungen im Verlauf der Ermittlungen des Katzendetektivs.
Für Katzenliebhaber zudem interessant sind die zahlreichen Hintergrundinformationen zur Anatomie, Geschichte und dem Sexualleben der vierbeinigen Schnurrer, die Akif Pirinçci in die Anhänge seines Romans gepackt hat. Wer sich zuvor schon intensiv mit Katzen beschäftigt hat, dem werden die meisten Informationen zwar bekannt vorkommen, sie ergänzen aber angemessen die beschriebenen Eigenarten und Verhaltensweisen der Protagonisten und erklären manche Aspekte der Story eindrucksvoll.

Was am Ende bleibt, ist ein richtig guter Krimi, der mit vielen Klischees bricht, manche allerdings bestätigt. Die Story konzentriert sich immer auf den Hauptcharakter und langweilt nie mit ausufernden Storyelementen, die zur Auflösung nichts beitragen. Dennoch lässt sie ein wenig an Komplexität vermissen, denn abgesehen von der Rätselei, wer denn der Mörder sein könnte, werden dem Leser nie mehr als zwei oder drei Verdächtige präsentiert.
Inwiefern man sich sprachlich auf einen jedoch bisweilen brutalen und vulgären Katzenkrimi einlassen möchte, muss jeder Leser selbst entscheiden; Katzenliebhaber finden aber manch alltägliche Situation in dem Roman wieder und werden nicht umhin können, von Zeit zu Zeit wissend zu schmunzeln. Insgesamt betrachtet macht Felidae Lust auf mehr, vor allem auf eine Entwicklung bei Hauptfigur Francis selbst, die trotz ihres ganzen Einsatzes im Endeffekt oberflächlich bleibt.


Fazit:
Felidae war ein Überraschungshit und zog bislang drei Fortsetzungen nach sich; zwar enttäuschen einige Storyaspekte gerade versierte Krimifans, und bei manchen Gesprächen hatte ich das Gefühl, die nächsten Wortwechsel vorhersagen zu können, aber Autor Akif Pirinçci gelingt das interessante und einfallsreiche Portrait einer Welt aus der Sicht von Katzen, die dabei ebenso zur Unterhaltung, wie als Spiegelbild unserer Gesellschaft herhalten.
Das Krimielement kommt erst nach den ersten 100 Seiten in Fahrt, dann jedoch hält der Autor das Tempo konstant bis zum überraschenden Finale. Dank den detailreichen Beschreibungen und der spannenden Umsetzung wird die Welt von Katzendetektiv Francis im Kopf des Lesers zum Leben erweckt, und man wünscht sich wirklich, dass er für den Folgeroman Francis [1993] die Stärken seines ohne Zweifel empfehlens- und lesenswerten Buches weiter ausbaut; zu einer höheren Wertung hat jedenfalls nicht viel gefehlt.


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